Auf den Rängen sangen die Fans Oh, wie ist das schön!“, auf dem Platz lagen sich die Natio­nal­spieler in den Armen, Bayern, Borussen, ein Madri­lene. Sogar ZDF-Kom­men­tator Béla Réthy geriet aus seinem noto­risch poly­gloten Sing­sang und stieß einen Jubel­schrei aus, der kei­nerlei Fremd­spra­chen­kenntnis bedurfte. Das Vol­leytor von Mario Götze zum 6:2 gegen Öster­reich ver­stand jeder: Es war ein­fach nur wunderschön.

Doch dann schwenkte die Kamera auf Joa­chim Löw. Der Bun­des­trainer lehnte an einer Balus­trade, saugte an seiner Trink­fla­sche und wirkte inmitten des Aus­nah­me­zu­stands gera­dezu spek­ta­kulär unbe­tei­ligt. Seine größte Sorge schien das ord­nungs­ge­mäße Wie­der­ver­schließen der Fla­sche zu sein. Wo war jetzt der Deckel? Und hinter ihm das Meer aus schwarz-rot-geilen Fahnen.

Joa­chim Löw in der 88. Minute: Genauso sieht ein Mann aus, der an einer Balus­trade lehnt und an seiner Trink­fla­sche saugt. Keine Spur von Ekstase. Hatte er den Zau­ber­treffer etwa gar nicht mitbekommen?

Erlö­sung und Ver­hei­ßung – ein ergrei­fender Moment

Natür­lich hatte er. Und erst in der Miene des Bun­des­trai­ners zeigte sich die wahre Bedeu­tung dieses 6:2: Es war Bewäl­ti­gung der Ver­gan­gen­heit und Auf­bruch in die Zukunft zugleich. Erlö­sung und Ver­hei­ßung – Epi­phanie. Ein ergrei­fender Moment. Dass Löw nicht wie von Sinnen grinste, war also durchaus angemessen. 

Er weiß: Die deut­sche Natio­nalelf hat den Muff der Neun­ziger und frühen Nuller end­gültig hinter sich gelassen. Sie ist längst nicht mehr die para­mi­li­tä­ri­sche Tur­nier­mann­schaft, die welt­weit genauso belä­chelt wie gefürchtet wurde. Aber sie ist eben auch nicht mehr das naive Schland“, jenes Klas­sen­fahrts­kom­mando der Klinsmann-Jahre. 

Haut sie durch die Wand? Nein. Zeigt ihnen, wo der Aus­gang ist.

Haut sie durch die Wand“, rief Jürgen Klins­mann vor dem Spiel gegen Polen bei der WM 2006 seinen Spie­lern zu. Unter Joa­chim Löw aber werden Ent­schei­dungen nicht mehr von David Odonkor als flan­kendem Mon­chichi herbei emo­tio­na­li­siert, sie werden mit kühler Stirn her­aus­ge­spielt. Löw ist es gelungen, die Energie seines Amts­vor­gän­gers zu bewahren und dabei unter Kon­trolle zu bekommen. Seine Natio­nalelf spielt mit Gefühl, aber eben auch, und das ist weit­ge­hend neu, mit Ver­stand. Zeigt ihnen, wo der Aus­gang ist“, kann der Bun­des­trainer nun sagen, einen Tag vor der Revanche in Danzig. Die Spieler wissen, wo die Tür ist. Er hat sie ihnen gezeigt. 

Der Auf­trag: EM-Titel 2012

Löw weiß des­halb auch: Der EM-Titel 2012 wäre keine Sen­sa­tion mehr, wie er es 2008 wohl noch gewesen wäre. Er ist zum Auf­trag geworden. 

Zunächst genügte es, die Natio­nalelf nach Jahren der über­lau­nigen Pflicht­aus­übung wieder mit soviel Spaß bei der Arbeit zu sehen. Doch jetzt wird es ernst. Wer nicht nur schön, son­dern auch derart zwin­gend spielt, fährt als Favorit zur EM. Noch einmal wird der zweite oder dritte Platz nicht rei­chen. Noch einmal darf Spa­nien nicht eine Nummer zu groß sein.

Wir alle dürfen jetzt nicht abheben“

Auch das stand Löw nach dem 6:2 ins Gesicht geschrieben. Neben ihm hüpfte der über­glück­liche Tor­wart­trainer Andreas Köpke flum­mi­artig, doch er prallte von Löws Aura ab und ver­schwand wieder aus dem Bild. Und so stand der Bun­des­trainer allein an der Balus­trade, an seiner Trink­fla­sche sau­gend. Nicht einmal der getreue Hansi Flick traute sich, sich ihm zu nähern. 

Weit­sich­tige Trainer bremsen die Euphorie. Mög­li­cher­weise fing Löw in diesem Moment ganz bewusst damit an. Wir alle dürfen jetzt nicht abheben“, sagte er später. Mög­li­cher­weise spürte er die rie­sige Ver­ant­wor­tung, die auf ihm lastet: Der Sieg gegen Öster­reich ist ein Ver­spre­chen. Er muss es halten.

Mög­li­cher­weise war es aber auch eine ganz pri­vate Ange­le­gen­heit: Er, der Junge aus Schönau im Schwarz­wald, ist Chef der aktuell auf­re­gendsten Mann­schaft der Welt. Wenn alles nach Plan läuft, kann er die EM gewinnen. Und dann die WM. Her­berger – Schön – Becken­bauer – Löw: Da darf man schon mal einen tro­ckenen Hals kriegen. 

Also: Prost, Herr Bundestrainer!