Thorsten Taenzer, Sie sind Spor­to­s­teo­path und behaupten: Die meisten Ver­let­zungen in der Bun­des­liga sind unnötig, weil ver­meidbar. Das müssen Sie uns erklären.

Thorsten Taenzer: Ich arbeite seit Jahren mit Leis­tungs­sport­lern zusammen, dar­unter sind auch Fuß­baller u.a. vom 1. FC Köln, dem Karls­ruher SC oder der TSG Hof­fen­heim. Sehr häufig muss ich fest­stellen, dass die Spieler von Ihrer medi­zi­ni­schen Abtei­lung nach Ver­let­zungen nicht voll­ständig unter­sucht wurden. Und die meisten Ver­let­zungen in der Bun­des­liga resul­tieren nun einmal aus Folge-Verletzungen.

Ehr­lich gesagt: Das ver­stehe ich nicht.

Thorsten Taenzer: Ein Bei­spiel: Wenn sich Spieler X bei einem Spiel den rechten äußeren Knö­chel ver­staucht und anschlie­ßend nicht kor­rekt behan­delt wird, kann das Fol­ge­ver­let­zungen aus­lösen. Ich hatte einen Spieler aus Hof­fen­heim in Behand­lung, der bekam wenige Monate nach der aus­ku­rierten Ver­stau­chung Pro­bleme an der linken Unter­schen­kel­seite, noch später ver­letzte er sich an den Adduk­toren. Sie sehen, die Ver­let­zung kann quasi durch den Körper wandern. 

Und warum wird das von den Ver­eins­ärzten nicht erkannt? Schließ­lich stellt jeder Klub heut­zu­tage doch ein ganzes Heer an Medi­zi­nern, um die Spieler rundum zu versorgen.

Thorsten Taenzer: Spor­to­s­teo­pa­then werden von Schul­me­di­zi­nern in der Regel noch immer als eine Fremd­körper emp­funden. Als Medi­ziner für einen Profi-Fuß­ball­klub zu arbeiten, kann ein sehr lukra­tives Geschäft sein. Der Phy­sio­the­ra­peut, den der neue Sport­chef vom HSV, Frank Arnesen, mit nach Ham­burg bringen wollte, ver­langte mehr als 400.000 Euro Jah­res­ge­halt. In einer sol­chen Posi­tion lässt man sich nur ungern in der eigenen Arbeit ver­bes­sern oder belehren. Als ich vor einiger Zeit in der Presse von der Adduk­to­ren­ver­let­zung eines Bun­des­liga-Spie­lers erfuhr, bot ich dem Klub mein Wissen an. Das wurde ziem­lich deut­lich abgelehnt.

Wie sieht Ihre Behand­lung aus?

Thorsten Taenzer: Zunächst behan­dele ich natür­lich die eigent­liche Ver­let­zung des Fuß­bal­lers. Wenn sich sein Gesund­heitsszu­stand ver­bes­sert hat, nehme ich mir den Rest seines Kör­pers vor. Um einen bild­li­chen Ver­gleich zu lie­fern: Wenn sie ein Haus bauen, aber das Fun­da­ment schief ist, wird auch der Rest des Hauses nie­mals gerade sein. Und irgend­wann haben sie dann viel­leicht einen Riss in der Fas­sade. So ähn­lich ist das beim mensch­li­chen Körper: Ver­let­zungen hin­ter­lassen nahezu unsicht­bare Fol­ge­schäden, die irgend­wann sichtbar werden, wenn man sie nicht behan­delt. Oft ist es nur ein schiefer Len­den­wirbel, der eine spä­tere Ver­let­zung aus­lösen kann.

Das klingt zwar span­nend, aber hat es denn auch Erfolg?

Thorsten Taenzer: In der Saison 2010/11 hat ein deut­scher Dritt­li­gist meine Hilfe in Anspruch genommen. Der Klub hatte in der Vor­saison ins­ge­samt mehr als zehn Spieler, die durch Mus­kel­fa­ser­risse fehlten. In der Saison 2010/11 war es nur noch ein Spieler mit Muskelfaserriss. 

Wie viele Ver­let­zungen ließen sich in der Bun­des­liga vermeiden?

Thorsten Taenzer: 20 bis 25 aller Knie­ver­let­zungen im deut­schen Pro­fi­fuß­ball sind ver­meidbar. Bei den Mus­kel­fa­ser­rissen sogar bis zu 50 Pro­zent. Mit meinem Denk­mo­dell lassen sich Ver­let­zungen quasi voraussagen. 

Wenn das so ist: Warum ori­en­tieren sich die Medi­ziner der Bun­des­li­gisten dann nicht ein­fach neu und ver­su­chen sich in den neuen Behandlungsmethoden?

Thorsten Taenzer: In den USA ist das bereits gang und gäbe. Hier­zu­lande scheint man noch nicht reif dafür zu sein. Um es pro­vo­kant zu sagen: Die deut­sche Sport­me­dizin befindet sich auf dem Gebiet der Spor­to­s­teo­pa­thie noch im Steinzeitalter.