Wie kommen Sie beide eigent­lich mit Ihrem Boss, Martin Kind, aus?

Jörg Schmadtke: Jeder Klub hat seine eigenen Gesetz­mä­ßig­keiten. Es gibt phan­tas­ti­sche Trainer, Manager oder Spieler, die an man­chen Stand­orten ein­fach nicht funk­tio­nieren. Die Krux ist also, dass man in der Lage ist, sich auf die jewei­ligen Gege­ben­heiten best­mög­lich ein­zu­stellen.



Und das heißt kon­kret bezogen auf Martin Kind und Han­nover 96?

Schmadtke: Dass es hier drei Ent­schei­dungs­träger gibt: Prä­si­dent, Trainer, Manager. Mit Martin Kind haben wir einen Partner, auf dessen Wort Ver­lass ist. Und das ist aus meiner Sicht eine opti­male Lösung. Denn wir können in unserer wirt­schaft­li­chen Lage nur Erfolg haben, wenn wir schneller sind als andere Klubs. Und das geht nicht, wenn ich erst einmal 35 Leute im Verein über­zeugen muss, um eine Idee durch­zu­bringen.

Eine Per­so­nalie, die der Prä­si­dent für Sie ent­schieden hat, ist Jan Schlaud­raff. Kind sagte, Schlaud­raff würde aus dis­zi­pli­na­ri­schen Gründen nie mehr für 96 auf­laufen. Das kann Ihnen nicht gefallen haben.

Schmadtke:
Wir haben des­halb ver­sucht, bis zum Ende der Trans­fer­pe­riode andere Vor­aus­set­zungen für Jan Schlaud­raff zu schaffen.

Sprich: ihn zu ver­kaufen.

Schmadtke: Aber solange das nicht gelingt, ist der Jan voll­wer­tiger Teil der Lizenz­mann­schaft und bekommt hier alle Mög­lich­keiten. Aber natür­lich muss er auf­grund seines Ver­hal­tens ein paar Wider­stände mehr aus­räumen als andere. 

Näm­lich?

Schmadtke:
Er hat in Han­nover nie richtig seine Rolle gefunden. Er war ver­letzt, kam wieder, ver­letzte sich erneut und fand nicht den Weg in die Mann­schaft. Dazu kommt, dass er deut­lich besser ver­dient als andere, des­wegen wird er auch kri­ti­scher gesehen.

Sie kennen Jan Schlaud­raff noch als Youngster aus Aachen. Hat er sich in seiner Zeit bei Bayern Mün­chen ver­än­dert?

Schmadtke:
Nur in Nuancen. Seine Unab­hän­gig­keit ist viel­leicht etwas größer geworden. Wirt­schaft­liche Unab­hän­gig­keit ver­än­dert die Men­schen.

Jörg Schmadtke, Mirko Slomka, jetzt mal ehr­lich: Wie gut ist Han­nover 96 im Moment?

Schmadtke: Eine große Frage. Was zieht man zur Beant­wor­tung hinzu, die Tabelle? Oder bewertet man das Gesamte?

Mirko Slomka: Die Frage ist zunächst: Was meinen Sie mit Han­nover 96?

Die erste Mann­schaft.

Slomka: Die Lizenz­mann­schaft hat sich, wenn man von der Situa­tion der vorigen Saison aus­geht, ver­bes­sert. Wir haben einen neuen Team­geist ent­wi­ckelt, neue Spieler dazu geholt, die sehr leis­tungs­ori­en­tiert sind, weil sie in ihrer Kar­riere noch etwas errei­chen wollen. Das sind immer gute Vor­aus­set­zungen für eine ziel­ge­rich­tete Arbeit.

An wel­chen Stell­schrauben müssen Sie noch drehen?

Slomka:
Was uns noch fehlt, ist die nötige Kon­se­quenz, wenn wir mehr Ball­be­sitz haben als der Gegner. Gegen den VfL Wolfs­burg und den FC St. Pauli hatten wir mehr Ball­be­sitz – und beide Spiele haben wir ver­loren. Wir müssen Stra­te­gien ent­wi­ckeln, um auch gegen defensiv ori­en­tierte Mann­schaften zu Tor­chancen zu kommen.

Zwi­schen dem Zeit­punkt Ihres jewei­ligen Dienst­an­trittes in Han­nover liegt ein halbes Jahr. In wel­cher Ver­fas­sung fanden Sie den Klub vor?

Schmadtke:
Als ich kam, traf ich auf einen Kader, der drin­gend ver­än­dert werden musste. Obwohl es dafür eigent­lich gar keine wirt­schaft­li­chen Mög­lich­keiten gab. Wir haben den­noch ver­sucht, einen neuen Geist rein zu bekommen. Das ist uns anfäng­lich auch ganz gut gelungen – bis zum Tod von Robert Enke. Danach ist uns der Laden aus­ein­an­der­ge­bro­chen. Wir haben sehr lange gebraucht, um die Mann­schaft wieder leis­tungs­ori­en­tiert auf den Platz zu stellen.


Sie kamen etwa drei Monate nach dem Suizid von Robert Enke, Mirko Slomka.

Slomka: Als Trainer ver­sucht man seine Ideen in Bezug auf das Trai­ning und den Umgang mit Spie­lern in mög­lichst kurzer Zeit durch­zu­setzen. Damit hatten wir zu Beginn große Schwie­rig­keiten, auch die Glaub­wür­dig­keit und das Ver­trauen bei der Mann­schaft und im Umfeld zu errei­chen. Wenn dann eine Serie von sechs Nie­der­lagen dazu kommt, wird das Leben nicht unbe­dingt leichter.

Bei allem Respekt vor der Ent­schei­dung von Robert Enke, aus dem Leben zu treten. Aber wie kann in einem hoch­pro­fes­sio­nellen Betrieb wie dem Lizenz­kader eines Bun­des­li­ga­teams durch den Tod eines Spie­lers fast ein halbes Jahr sport­li­cher Still­stand herr­schen?

Schmadtke: Das Innen­ver­hältnis einer Pro­fi­mann­schaft ist ein anderes als das in einem nor­malen Betrieb, allein weil eine stän­dige kör­per­liche Nähe vor­handen ist. Die Spieler duschen zusammen, sind tag­täg­lich zusammen, teilen sich Hotel­zimmer. Die Situa­tion hat uns über­rollt, hier herrschte Aus­nah­me­zu­stand. Es war nicht einmal ansatz­weise an irgend­etwas zu denken, was mit Fuß­ball zu tun hatte. Roberts Selbst­mord hatte folg­lich nicht nur emo­tio­nale, son­dern auch sport­liche Aus­wir­kungen.

Näm­lich?

Schmadtke: Wäh­rend die anderen Mann­schaften wei­ter­ge­ar­beitet und nach­jus­tiert haben, haben wir erstmal zehn Tage nicht trai­niert. Zehn Tage – mitten in der Saison. Wir haben trotzdem geglaubt, dass es keine so dra­ma­ti­schen Folgen haben wird, aber die fol­genden Spiele zeigten uns, dass wir uns geirrt hatten. Die Mann­schaft war nicht in der Lage, sich dem Spiel zu widmen.

Mirko Slomka sagt, es sei ihm anfäng­lich nicht gelungen, Glaub­wür­dig­keit zu erlangen. Wie haben Sie seine ersten Tage als Chef­coach erlebt?

Schmadtke: Es war nicht leicht, eine Mann­schaft am Rande der Auf­merk­sam­keits­fä­hig­keit zu errei­chen. Das neue Trai­ner­team hatte Schwie­rig­keiten den Zugang zur Gruppe zu finden. Das Ganze hatte sich irgend­wann ver­selb­stän­digt: Wir haben nicht trai­niert, wir haben Spiele ver­loren und das Selbst­ver­trauen ist in den Keller gegangen. Und außerdem stellte sich allen die Frage: Wie gehe ich mit Freude um?

Slomka:
Das Thema Spaß wurde zum zen­tralen Pro­blem. Darf ich im Trai­ning lachen, darf ich nach einem Tor jubeln, darf ich mich über einen Punkt freuen? Den Spie­lern klar zu machen, dass man das darf, war meine größte Schwie­rig­keit. Eine solche Blo­ckade zu lösen, ist für Hob­byp­sy­cho­logen’, wie wir es als Trainer sind, gar nicht machbar.

Musste Slomkas Vor­gänger, Andreas Berg­mann, vor diesen Pro­blemen kapi­tu­lieren?

Schmadtke: Um das ganz klar zu sagen: Die Miss­erfolge waren nicht die Schuld des Trai­ners. Robert hat den Schluss­strich gezogen. Er hat sich ent­fernt aus einer bestehenden, intakten Gruppe. Das Erstaun­liche für mich war, dass der Sog um seinen Selbst­mord dann auch Spieler erfasste, die ihn erst ganz kurz kannten. Hier herrschte eine bedrückte Stim­mung, die sich nicht nach­er­zählen lässt. Das Sta­dion ver­band nie­mand mehr mit Fuß­ball­at­mo­sphäre.

Slomka: Wir haben ver­sucht, den Spie­lern wieder bei­zu­bringen mit Erfolgs­er­leb­nissen umzu­gehen. Haben kleine Gruppen gebildet und Wett­kämpfe initi­iert, bei denen es Sieger gab. Dass es sich in der ver­gan­genen Saison aber nie ganz gelöst hat, zeigte sich nach dem Erfolg in Bochum am letzten Spieltag. Nach dem Schluss­pfiff fiel die Belas­tung explo­si­ons­artig von den Spie­lern ab und die Erin­ne­rung an Robert kam wieder hoch. Da gab es bei vielen noch mal Tränen.

Schmadtke: Psy­cho­logen sagen, dass Trau­er­be­wäl­ti­gung min­des­tens ein Jahr dauert. Das Pro­blem war, die Trauer zuzu­lassen und gleich­zeitig Tag für Tag zu funk­tio­nieren. Das war ein Zwie­spalt, den wir über weite Stre­cken nicht gelöst haben.

Als Manager müssen Sie mög­lichst rational auf so eine Extrem­si­tua­tion wie den Suizid reagieren. Können Sie uns beschreiben, was Ihre ersten Maß­nahmen waren, nachdem Sie den ersten Schock über­standen hatten?

Schmadtke:
Es fing an mit der Benach­rich­ti­gung des Spie­ler­rats, dann haben wir uns in der Arena getroffen, um den Spie­lern ein paar Mög­lich­keiten zur psy­cho­lo­gi­schen Ver­ar­bei­tung an die Hand zu geben. Zum Bei­spiel einen Seel­sorger als externe Instanz. Wir haben gesagt: Da ist jemand, mit dem Ihr reden könnt, unab­hängig von uns. Gleich­zeitig standen auch bei uns alle Türen offen, bei Trainer, Manager und Prä­si­dent.

Wie häufig wurde der Seel­sorger fre­quen­tiert?

Schmadtke: Das habe ich nie kon­trol­liert. Ich habe immer gesagt: Jungs, Ihr könnt da hin­gehen, aber das ist kein Zwang. Und wenn Ihr hin­geht, ist und bleibt das eure pri­vate Sache.

Sind auch Spieler zu Ihnen gekommen?

Schmadtke:
Ja, es waren auch einige bei mir, mit denen wir sehr intensiv gespro­chen haben.

Slomka:
Als Außen­ste­hender – ich war noch nicht Trainer, wohnte aber in Han­nover – dachte ich: Groß­artig, wie der Verein reagiert, wie er die Geschichte auffängt.

Für Flo­rian From­lo­witz war es als Enke-Nach­folger beson­ders schwierig.

Schmadtke: Er war in dieser Phase erstaun­lich stabil. Natür­lich hatte er auch ein paar Schwan­kungen, im Trai­ning unter der Woche. Aber an den Spiel­tagen hat er nicht gewa­ckelt, im Gegen­teil.

From­lo­witz trägt seit dieser Saison wieder die 1“. Lange hieß es, dass die Rücken­nummer in Gedenken an Enke nicht mehr ver­geben wird.

Schmadtke:
Dar­über haben wir intern lange dis­ku­tiert, aber letzt­lich ging es uns um ein Stück Nor­ma­lität. Die Nummer 1“ gehört nun mal zum Fuß­ball dazu. Und die Erin­ne­rung an Robert Enke hat nichts damit zu tun, ob wir die 1“ ver­teilen oder nicht.

Slomka:
So haben wir keinen über­mä­ßigen Druck auf­ge­baut. Flo­rian hat das unein­ge­schränkte Recht, die Nummer zu tragen, weil er die Posi­tion von Robert über­nommen hat. Und er ist sein wür­diger Nach­folger.

Jörg Schmadtke, ist Mirko Slomka vor der Mann­schaft eigent­lich genauso ana­ly­tisch und freund­lich, wie man ihn als TV-Experte kennt?

Schmadtke: (über­legt lange) Ja, ja. Das ist schon sehr gut, wie er ver­sucht, die Dinge zu ver­sach­li­chen. Viele Trainer sind oft zu emo­tional in den Spiel­ab­lauf ein­be­zogen. Letz­tens als wir gegen Bremen spielten, hatte ich den Ein­druck, dass die Mann­schaft ein biss­chen nach­lässt. Da habe ich ihm gesagt: Weck die doch noch mal.“ Das hat er dann auch gemacht.

Slomka: Des­wegen meinte ich, dass es von Vor­teil sein kann, einen Fuß­ball­lehrer als Manager zu haben.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Slomka in der Pause in der Umkleide beob­achten?

Schmadtke: Emo­tio­nale Trainer tun sich manchmal schwer, in der Kürze der Zeit die rich­tigen Dinge anzu­spre­chen. Mirko ist da sehr ruhig und ana­ly­tisch.

Und inwie­weit ent­spricht Jörg Schmadtke seinem Image als eigen­bröt­le­ri­scher, mit­unter zum Sar­kasmus nei­gender Manager, Mirko Slomka?

Slomka: Sar­kasmus, also nee, das geht mir zu weit. Neben den Dingen, die ein Manager ohnehin für einen Klub tut, finde ich es durchaus von Vor­teil, dass Jörg auch noch seinen eigenen Blick auf das Gesamt­bild hat.

Quatscht der Manager Ihnen auch in die Auf­stel­lung rein?

Slomka:
Nein, er sagt höchs­tens: Hast Du dar­über nach­ge­dacht, dass…?“ oder Was hältst Du von.…?“.

Schmadtke: Aber, um es Ihnen auch zu erleich­tern: Ich bin schon recht eigen, wenn auch nicht eigenbrötlerisch.