Unglaub­lich, aber Cesar Santin blieb stehen. Es lief die 26. Minute im Cham­pions League Spiel zwi­schen dem FC Bar­ce­lona und dem FC Kopen­hagen. Barça führte bereits 1:0, als sich die Gäste erst­mals aus der eigenen Hälfte befreiten. Ein feiner Pass in die Tiefe, Stürmer Santin hatte freie Bahn. Doch anstatt alleine aufs Tor der Kata­lanen zu spurten, stoppte der Bra­si­lianer und blickte Rich­tung Schieds­richter. Dessen Pfeife blieb stumm. Kein Abseits. Chance vertan. Doch war da nicht ein Pfiff? Trainer Stale Sol­bakken tobte und wäre Barca-Keeper Pinto am liebsten an die Gurgel gegangen. Der hatte mit seinem Pfeifen abseits rekla­miert und Cesar Santin fiel auf den Laus­bu­ben­streich herein. 



Amü­sant für jeden Nicht-Kopen­hagen Fan, und doch ist die Szene ein gewich­tiges Sinn­bild für die gesamte Cham­pions-League Saison des däni­schen Meis­ters. Der ver­tei­digt ver­bissen, spielt mutig nach vorne, ist zum Teil auf Augen­höhe, doch statt Durch­set­zungs­ver­mögen zeigt sich zuletzt Nach­läs­sig­keit. So wurde am ver­gan­genen Spieltag beim rus­si­schem Meister Rubin Kasan der vor­zei­tige Ach­tel­fi­nal­einzug ver­siebt. Ein Hand­elf­meter genügte für eine 0:1‑Niederlage. »Defensiv standen wir wieder per­fekt, aber offensiv waren wir zu unbe­weg­lich«, war Coach Sol­bakken ange­fressen. Den ent­schei­denden Straf­stoß ver­schul­dete aus­ge­rechnet der erfah­rene Jesper Grönkjaer.

Der 33-jäh­rige Außen­stürmer, vielen noch aus seiner Zeit beim FC Chelsea und dem VfB Stutt­gart ein Begriff, erlebt in Däne­mark gerade seinen zweiten Früh­ling. Beim FC Kopen­hagen ist er seit seinem Abgang aus dem Schwa­ben­land zur Gali­ons­figur geworden. Trainer Stale Sol­bakken hat es ver­standen, eine junge Mann­schaft um Grönk­jaer zu bauen, die heute in Däne­mark kon­kur­renzlos und auf Europas großer Bühne kon­kur­renz­fähig ist. 

Umver­tei­lung der Kräfteverhältnisse

Dabei exis­tiert der Verein regulär erst seit 1992. Kurz nach dem sen­sa­tio­nellen EM-Erfolg von »Danish Dyna­mite« rief eine Fusion zwi­schen den ange­schla­genen Tra­di­ti­ons­klubs Bold­klub und BK1903 den FC Kopen­hagen ins Leben. Einen Groß­teil der Fans lie­ferte der Bold­klub, wäh­rend 1903 den stär­keren Kader stellte. Im Oktober 1991 hatte dieser noch im UEFA-Cup dem FC Bayern eine ver­nich­tende 6:2‑Klatsche ver­passt. Den­noch war in den 90er Jahren Bröndby das Maß aller Dinge in der däni­schen Haupt­stadt und erst um die Jahr­tau­send­wende begann eine Umver­tei­lung der Kräfteverhältnisse. 

Durch die tat­kräf­tige Unter­stüt­zung seines Patrons Flem­ming Øster­gaard wurde der FCK der reichste Verein Däne­marks. Don Ø, wie der Vor­stand scherz­haft von den Fans genannt wird, baute das Parken-Sta­di­onareal suk­zes­sive zu einem ein­träch­tigen Büro- und Ver­an­stal­tungs­zen­trum aus. Der sport­liche Erfolg kam plan­mäßig. Seit 2001 fei­erte der FC Kopen­hagen acht Meis­ter­schaften. Das Team ist gespickt mit schwe­di­schen und däni­schen Natio­nal­spie­lern und hat in der lau­fenden Super­li­gaen-Saison auf den Zweit­plat­zierten Odense BK bereits 19 Punkte Vor­sprung, nach 19 Spiel­tagen wohlgemerkt. 

Diese Erfolge wecken natür­lich Begehr­lich­keiten. Und so haben Werder Bremen und der HSV bereits Inter­esse am schwe­di­schen Außen­ver­tei­diger Oscar Wendt bekundet, daneben wird Mit­tel­feld­mann und Kapitän Wil­liam Kvist mit dem FC Liver­pool in Ver­bin­dung gebracht. Im Sturm sorgt der spurtstarke Sene­ga­lese Dame N’Doye für die Tore, falls sein bra­si­lia­ni­scher Kol­lege César Santin sich mal wieder von geg­ne­ri­schen Tor­hü­tern zurück­pfeifen lässt, und Rum­pel­stilz­chen Sol­bakken den nächsten Tob­suchts­an­fall erleiden muss.


Als Akteur des FC Wim­bledon über­warf sich Heiß­sporn Sol­bakken einst mit seinem Coach Joe Kinnar, der ihn damals vom Trai­ning aus­schließen ließ. Beim CL-Heim­spiel gegen den FC Bar­ce­lona (1:1) begab er sich nach Spiel­schluss in einen ver­balen Box­kampf mit Kol­lege Pep Guar­diola. Ein Betreuer musste Sol­bakken zurück­halten, sonst hätte er seinem Kol­legen wohl ein paar »Bakkpfeifen« mit auf die Pres­se­kon­fe­renz gegeben. Ver­meint­liche Gründe gab es zuhauf: das Toni-Schu­ma­cher-Gedächtnis Foul von Victor Valdes gegen FCK-Angreifer N’Doye, dazu die Sperre gegen Keeper Pinto wegen dessen Pfiffs im Hin­spiel, die Sol­bakken bei der UEFA ein­ge­for­dert hatte, und Guar­diola ihn dar­aufhin öffent­lich als »Mani­pu­lator« bezeichnet hatte. Große Gefühle, große Emo­tionen. Die Cham­pions League als Seifenoper!

Zwölf Minuten war Sol­bakken kli­nisch tot


Dass der FCK-Coach über­haupt noch so in Rage geraten kann, grenzt hin­gegen an ein medi­zi­ni­sches Wunder. Noch im Jahr 2001 spielte Sol­bakken im Mit­tel­feld des FC Kopen­hagen. Bei einer Trai­nings­ein­heit sackte der nor­we­gi­sche Natio­nal­spieler plötz­lich zusammen. Mann­schafts­arzt Frank Odgaard kam her­bei­ge­eilt und ver­suchte den Spieler zu reani­mieren. Nach end­losen zwölf Minuten der Herz­mas­sage kam Sol­bakken zurück. Ein unbe­han­delter Herz­fehler hätte den damals 33-Jäh­rigen bei­nahe ins Jen­seits beför­dert. Die vor­lie­gende Dia­gnose been­dete seine Spie­ler­kar­riere und Sol­bakken wen­dete sich fortan dem Trai­nerjob zu.

Nach einem Enga­ge­ment in Nor­wegen kam er 2006 zusammen mit Jesper Grönk­jaer zum FC Kopen­hagen. Ehr­geiz, Dis­zi­plin und Moti­va­ti­ons­kunst sind die Attri­bute des 42-Jäh­rigen. »Es ist mein Job jeden Spieler zu ver­bes­sern«, sagte er zuletzt nach der Nie­der­lage von Bar­ce­lona, als seine Mann­schaft in der zweiten Halb­zeit vier Groß­chancen liegen ließ und für 45 Minuten dem großen FC Bar­ce­lona erheb­liche Pro­bleme berei­tete. Erstaun­lich, wenn man bedenkt, dass zwei Qua­li­fi­ka­ti­ons­runden nötig waren und knappe Siege gegen Rosen­borg und BATE Bor­isov, um in die Haupt­runde der Cham­pions League vorzustoßen. 

Selbst bei einer Pleite wäre das Wei­ter­kommen möglich

Nun herrscht große Euphorie in Kopen­hagen: 10.000 Fans reisten mit nach Bar­ce­lona. Bei den Heim­par­tien füllten 37.000 Zuschauer das Parken-Sta­dion bis zum Anschlag. Die däni­schen Fuß­ball­fans, lange Zeit kaum mit Spielen in inter­na­tio­nalen Wett­be­werben ver­wöhnt, lechzen nach Erfolgs­ge­schichten. Daher werden selbst ein­ge­ses­sene Bröndby-Fans am Diens­tag­abend dem Rivalen die Daumen drü­cken, wenn es im abschlie­ßenden Heim­spiel gegen das bereits aus­ge­schie­dene Pan­athi­naikos zum ent­schei­denden Show­down kommt. 

Ein Sieg wäre gleich­be­deu­tend mit dem ersten Ach­tel­fi­nal­einzug eines däni­schen Teams in der Cham­pions League. Selbst bei einer Pleite wäre das Wei­ter­kommen mög­lich, falls Kon­kur­rent Kasan zeit­gleich in Bar­ce­lona nicht punktet. Stale Sol­bakken würde der Erfolg aber keinen wei­teren Infarkt bescheren, seit dem Zusam­men­bruch vor neun Jahren trägt er einen Herzschrittmacher.