Der Bra­si­lianer Maicon, keine ein­ein­halb Stunden zuvor noch einer der besten Rechts­ver­tei­diger der Welt, war sicht­lich ange­schlagen. »Es war unmög­lich, ihn zu kon­trol­lieren«, sagte er mit dünner Stimme und der Respekt für seinen jungen Gegen­spieler mischte sich mit einem leichten Schwindel. 90 Minuten lang hatte der 21-jäh­rige Waliser Gareth Bale zum Tanz gebeten. 



Es war ein unglei­ches Duell. Tot­ten­hams Flü­gel­stürmer war für Inters Ver­tei­diger zu keiner Zeit greifbar und seine Pässe schnitten mit chir­ur­gi­scher Prä­zi­sion in Inters Vie­rer­kette. Nachdem er bereits im Hin­spiel im San Siro einen 0:4 Rück­stand mit einem Hat­trick noch kos­me­tisch kor­ri­giert hatte, insze­nierte er nun die Tore durch Crouch und Pav­lyu­chenko. Jede Vor­lage dabei ein Kunst­werk aus Technik, Über­sicht dem instinktiv rich­tigen Timing bei der Her­ein­gabe. Nach dem Spiel huschten Ver­gleiche mit Messi und Cris­tiano Ronaldo durch die Mixed-Zone und Tot­ten­hams Regis­seur Rafael van der Vaart lachte in die Kameras und sagte nur: »Gareth hat Maicon gekillt.« 

Keiner, der im Schein­wer­fer­licht badet

Gareth Bale stand etwas ver­setzt hinter dem Hol­länder und wusste nicht so genau, was er jetzt noch sagen sollte, wo doch schon alles über ihn gesagt war. Er fuhr sich ver­legen durch das noch nasse Haar und erin­nerte eher an einen ver­schüch­terten Kon­fir­manden, als an einen kom­menden Welt­star. Gareth Bale, den sein Trainer Harry Red­knapp, als einen »netten Jungen« bezeichnet, ist keiner, der im Schein­wer­fer­licht badet. Weil er genau weiß wie schmal der Grat zwi­schen Erfolg und Absturz sein kann. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Bale, der­zeit einer der auf­re­gendsten Fuß­baller der Pre­mier League, ein Talent war, das nach einer schweren Ver­let­zung um seine Kar­riere kämpfen musste. 

Als er im Mai 2007 aus Sout­hampton nach Tot­tenham wech­selt, gilt er als großes Ver­spre­chen. Ein Jahr­hun­dert­ta­lent. Min­des­tens. Ein Jahr zuvor hatte er mit 16 Jahren als jüngster Spieler aller Zeiten für Wales debü­tiert. Der Durch­bruch, auch in der Pre­mier League scheint nur eine Frage der Zeit. In den ersten fünf Spielen erzielt er gleich drei Tore, dar­unter eines im Lon­doner Derby gegen Arsenal. Doch im Dezember 2007 reißen die Bänder im rechten Sprung­ge­lenk. Bale muss ope­riert werden, fällt acht Monate aus. Auch ein Ende seiner Kar­riere scheint mög­lich. Sie hängt an einem Nagel in seinem Knö­chel. Bale kämpft, hat aber Schwie­rig­keiten, sich einen Stamm­platz zu erspielen. 

Dazu scheint ein Fluch auf ihm zu lasten. In seinen ersten 24 Pre­mier League Spielen für Tot­tenham gelingt ihm kein Sieg. Im Fuß­ball, einem frucht­baren Nähr­boden für Aber­glauben jeg­li­cher Art, wird diese Negativ-Serie schnell zum Stigma. Selbst Team­ma­nager Harry Red­knapp beginnt zu zwei­feln, erlöst Bale aber schließ­lich auf seine Art. Gegen Burnley wech­selt er ihn in der 85. Minute beim Stand von 4:0 ein. Tot­tenham siegt und Bale streift sein schlechtes Karma ab wie ein zu enges Trikot. Der Sieg gegen Burnley ist sein Neu­an­fang. Der Beginn einer Ent­wick­lung zu einem der besten linken Mit­tel­feld­spieler Europas, die gegen Inter seinen vor­läu­figen Höhe­punkt erreicht hat. 

Die Sehn­sucht der Fans nach dem bri­ti­schen Moment

Seit dieser Nacht ruhen auch in Eng­land die Hoff­nungen auf dem Waliser. Der Pre­mier-League gehen die lokalen Helden, die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­guren aus. Noch vor wenigen Jahren bestimmten unbe­re­chen­bare Exzen­triker wie der Ire Roy Keane, Robbie Fowler oder Paul Gas­coigne, Spieler zwi­schen Genie und Sperr­stunde, das Gesicht einer Liga, die längst unum­kehrbar glo­ba­li­siert worden ist. Da kommt einer wie Bale gerade recht. Ein Künstler am Ball, aber doch ein Star ohne Allüren. In den Lobes­hymnen für Bale spie­gelt sich des­halb auch die Sehn­sucht der Fans nach dem bri­ti­schen Moment im Fuß­ball auf der Insel. 

Und Bale ist durchaus in der Lage, diese Sehn­sucht zu stillen. Auch, weil sein vir­tuoses Spiel auf dem Flügel und beson­ders seine Per­sön­lich­keit unwei­ger­lich an Ryan Giggs erin­nern, den Waliser von Man­chester United, der seine Kar­riere vor­aus­sicht­lich nach dieser Saison beenden wird. Giggs ist Bales großes Vor­bild, er wird auf abseh­bare Zeit in dessen Fuß­stapfen treten. Für die Eng­länder liegt aber genau darin eine gewisse Tragik. Genau wie bei Giggs leiden sie nun auch bei Bale daran, dass er in Car­diff, auf der fal­schen Seite der inner­bri­ti­schen geboren wurde. Und Bale selbst teilt Giggs’ Schicksal als bester Spieler des kleinen Landes wahr­schein­lich nie an einer Welt- oder Euro­pa­meis­ter­schaft teil­zu­nehmen. Die Cham­pions League ist für ihn als inter­na­tio­nale Bühne des­halb umso wich­tiger. Bisher hat er sie ein­drucks­voll genutzt. Die nächste Tanz­ein­lage soll nun gegen Bremen folgen.