Plötz­lich sind sie wieder da: Fans, Presse, Poli­tiker und der DFB. Zwi­schen der Haupt­allee und dem Deut­schen Hygiene Museum herrscht an diesem grauen Novem­ber­morgen Freude, aber auch Wehmut. Ein großer Fuß­baller der Stadt Dresden soll geehrt werden. Der Mann, der an diesem Tag die Ent­hül­lung des Stra­ßen­schildes Helmut-Schön-Allee“ vor­nimmt, heißt Mat­thias Sammer, selbst Dresdner und DFB-Sport­di­rektor.



Der posthum geehrte Helmut Schön, der Europa- und Welt­meis­ter­trainer, errang damals mit dem Dresdner SC zweimal die Deut­sche Meis­ter­schaft: Viel­leicht ist es ein Stück weit Auf­klä­rung, denn Schön ist als Dresdner vielen Fans gar kein Begriff“, sagt Roy Helbig, Sta­di­on­spre­cher und lebendes DSC-Lexikon. Spricht Helbig über seinen Klub, dann hört man Enthu­si­asmus in seiner Stimme. Die Geschichte seines Dresdner SC ist von Berg- und Tal­fahrten geprägt, von Bevor­zu­gung und Auf­lö­sung, von Riva­lität und Füh­rungs­chaos. Sie steht fast sinn­bild­lich für so viele Ost­ver­eine, die heute, zwanzig Jahre nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung, ent­weder kom­plett ver­schwunden sind, oder ein tristes Dasein in einer unter­klas­sigen Ama­teur­liga fristen. Hätte der Dresdner SC keine so glor­reiche Ver­gan­gen­heit vor­zu­weisen, er wäre nur ein wei­terer Bank­rott­verein unter vielen.

Erfolg­reich unter den Nazis

Gegründet wird der Dresdner Sport­club am 30. April 1898 in der Gast­stätte des Hotels Stadt Coblenz“. Der frü­heste Vor­gän­ger­verein des DSC-Fuß­balls ist der 1874 ins Leben geru­fene Dresden Eng­lish Foot­ball Club, wel­cher der welt­weit erste Sport­verein außer­halb Groß­bri­tan­niens war, der Fuß­ball nach den noch heute gül­tigen Regeln spielt. Der Dresdner SC erlebt seine größte Zeit, als in Deutsch­land gerade der Krieg das Leben der Men­schen bestimmt. Die Nazis setzen alles daran, die Nor­ma­lität des gesell­schaft­li­chen Lebens im Reich zu wahren. Fuß­ball soll für Ablen­kung sorgen. Daneben miss­braucht die Pro­pa­ganda die Erfolge der her­aus­ra­genden Ver­eine und Akteure.

Obwohl die Dresdner – wie so viele andere Klubs – ab 1939 immer wieder auf Stamm­kräfte im Front­ein­satz ver­zichten müssen, treten sie am 18. Juni 1944 zum Finale in Berlin gegen eine Mili­tär­mann­schaft aus Ham­burg nahezu in Best­be­set­zung an, dar­unter auch Helmut Schön. Dessen Mit­spieler Her­bert Pohl, obwohl 1942 an der rus­si­schen Front schwer ver­wundet, erhält eine ein­ma­lige DFB-Son­der­ge­neh­mi­gung: Er darf mit nur einem Arm den Ball ein­werfen. Im Ber­liner Olym­pia­sta­dion steuert Schön vor 70 000 Zuschauern zwei Treffer zum 4:0‑Sieg bei. Doch von den zumeist mit Sol­daten bestückten Rängen wird er bei jedem Ball­kon­takt mit einem höh­ni­schen Helmut Schön k.v.“ bedacht. Hin­ter­grund: Schön muss auch wäh­rend des totalen Krieges“ nur wenige Wochen an die Front. Als offi­zi­elle Begrün­dung ist zunächst von einem Knie­schaden“ die Rede, der Schön in der Aus­übung seines Sports zwar peri­odisch, aber nicht grund­sätz­lich behin­dert. Viele halten ihn für kriegs­ver­wen­dungs­fähig“.


Und so sehen sich die Dresdner Spieler immer wieder mit dem Vor­wurf der Bevor­zu­gung kon­fron­tiert. Bezeich­nend: DSC-Mit­glied Karl Meh­nert ist Gene­ral­leut­nant der Wehr­macht und Chef des Wehr­kreises Dresden. Ob der Verein ohne seine Hilfe, Titel um Titel errungen hätte, liegt in den Wir­rungen deut­scher Sport­ge­schichte ver­borgen. Fakt ist, von 1939 bis zum Ende des Krieges hält der Dresdner SC, zusammen mit dem FC Schalke 04, die Vor­macht­stel­lung im deut­schen Fuß­ball. Zwei deut­sche Meis­ter­schaften und zwei Pokal­siege stehen bis 1944 zu Buche. Stürmer Richard Hof­mann, Tor­hüter Wil­li­bald Kreß und jener Helmut Schön sind feste Größen in der Natio­nalelf. Als der Krieg schließ­lich vorbei ist, endet die glor­reiche Zeit. Die sowje­ti­sche Besat­zung beschließt, den bür­ger­li­chen Verein auf­zu­lösen. An seiner Stelle ent­stehen Sport­gruppen und Sport­ge­mein­schaften (SG), denen zunächst nur ein regional begrenzter Spiel­be­trieb erlaubt ist.

Helmut Schön: Gelebte Sport­ge­schichte


Betroffen ist auch die frü­here deut­sche Meister VfB Leipzig, der sich fortan SG Probst­heida nennt. Der Dresdner SC wird zur SG Dresden-Fried­rich­stadt. In der Saison 1949/50 spielt die SG in der DDR-Ober­liga. Als am letzten Spieltag die Meis­ter­schaft in einem umstrit­tenen Spiel gegen Horch Zwi­ckau mit einer 1:5‑Niederlage ver­spielt wird, setzt sich der Groß­teil der Mann­schaft auf Initia­tive von Helmut Schön nach West­berlin ab. Kurze Zeit später schnürt Schön für die Hertha die Fuß­ball­schuhe, danach beginnt er die Trai­ner­aus­bil­dung in Köln bei Sepp Her­berger. Das Rest­leben des 74er- Welt­meis­ter­trai­ners ist längst Sport­ge­schichte. Unter­dessen wird in der Ost­zone weiter an der Zer­stö­rung seines Klubs gebas­telt. Dynamo Dresden wird aus Kreisen der Volks­po­lizei gegründet und zu einem der erfolg­reichsten Ost­klubs. Die SG Dresden-Fried­rich­stadt wird aus poli­ti­schen Gründen zer­schlagen. Dessen Nach­folger, die SC Ein­heit Dresden, feiert 1958 als letzten Erfolg den FDGB-Pokal­sieg. Dann wird es still um den Klub. 30 Jahre ver­gehen, ohne der Ver­eins­chronik ein wei­teres Erfolgs­ka­pitel hin­zu­zu­fügen.

Nach der Wende gründet sich am 1. Juli 1990 der Dresdner SC neu. Wäh­rend der Rivale Dynamo noch einen Platz in der Bun­des­liga erhält, muss der DSC ganz unten wieder anfangen. Kaum jemand in der Stadt inter­es­siert sich für den Klub: Die meisten Fans wurden in der DDR sozia­li­siert und kennen nur Dynamo. Dadurch herrschte natür­lich wenig Bezug zum DSC. Wenn man heute mit unserem Schal durch die Stadt läuft, dann ist das auch nicht gerade zuträg­lich für die Gesund­heit“, weiß Roy Helbig zu berichten. Trotz der Feind­schaft schafft es der Verein bis zum Ende der 90er-Jahre, auf Augen­höhe mit dem großen Rivalen zu sein. Das erste Pflicht­spiel­derby zwi­schen DSC und Dynamo steigt im Sommer 1998. Wäh­rend die Schwarz-Gelben immer weiter ins finan­zi­elle und sport­liche Abseits geraten, landet der Dresdner SC in der zwei­glei­sigen Regio­nal­liga. Kurio­ser­weise ist der dama­lige DSC-Prä­si­dent Thomas Dathe eigent­lich Dynamo Fan. Dathe will seinem klammen Verein unter die Arme greifen, doch die Dynamo-Füh­rungs­riege ver­grault den Immo­bi­lien-König, so dass dieser sich belei­digt dem Dresdner SC zuwendet. Im Sommer 2002 kommt es zu einem ein­schnei­denden Ereignis: der Flut an der Elbe. Dabei ist unser gesamtes Trai­nings­ge­lände abge­soffen. Es war der Anfang vom Ende“, sagt Roy Helbig heute. Zu allem Über­fluss steht kurze Zeit später am 1. Sep­tember 2002 ein wei­teres Pflicht­spiel­derby in der Regio­nal­liga an.


17100 Zuschauer sehen im Rudolf-Harbig-Sta­dion ein aus­ge­gli­chenes Duell. Doch die Sicher­heits­vor­keh­rungen sind zu lasch. Ord­nungs­kräfte und Ver­ant­wort­liche beider Ver­eine rechnen mit Soli­da­ri­sie­rungen auf­grund der Flut, die so viele Dresdner ins Mark getroffen hat. Ein Irr­glaube: Nur 170 Poli­zei­be­amte sind im Ein­satz, die ver­pflich­tete Sicher­heits­firma wäh­rend des Spiels bereits hoff­nungslos über­for­dert. Roy Helbig wirkt fas­sungslos spricht er über die dama­ligen Vor­komm­nisse: Kurz vor Schluss wurde unser Block mit Raketen und Böl­lern beschossen, etwa 1000 gewalt­be­reite Dynamos sind in unsere Rich­tung gestürmt, wir haben ver­sucht sofort das Sta­dion zu ver­lassen, trotzdem gab es viele Ver­letzte.“ Als wäre das noch nicht genug, läuft ein paar Monate später Ver­eins­mäzen Thomas Dathe zum Rivalen über. Er soll mit einer schnellen Finanz­spritze Dynamo die Regio­nal­liga-Lizenz retten. Der DSC steht aber­mals vor einem Scher­ben­haufen: Kein Trai­nings­ge­lände, keine Geld­geber, selbst Jugend­spieler wan­dern ab. Der Verein muss Insol­venz bean­tragen.

Ein langer Weg

Nach dem zweiten Bank­rott 2005 wird die Fuß­ball­ab­tei­lung wieder in den Haupt­verein ein­ge­glie­dert. Man muss erneut ganz unten anfangen. Die Zeiten großer Sprünge sind vorbei. Heute wird im alt­ehr­wür­digen Heinz-Steyer-Sta­dion nur noch Bezirks­liga gekickt. Letzte Woche verlor man gegen Dynamos vierte Mann­schaft mit 3:1. Die alten Holz­tri­bünen, einst stille Zeugen von Deutsch­lands Vor­zei­ge­fuß­bal­lern, bevöl­kern mitt­ler­weile pro Heim­spiel etwa 200 Zuschauer. Zu Schöns Zeiten kamen bis zu 65000 Zuschauer ins Ostra­ge­hege. Dabei haben die heu­tigen Struk­turen nichts mit Achten Liga zu tun“, sagt Roy Helbig. Zu den Spielen wird ein buntes Sta­di­on­heft gereicht, beim Ein­laufen der Mann­schaften hallt das Helmut-Schön-Lied über die Laut­spre­cher. Die Tra­di­tion ist all­ge­gen­wärtig. Auch als Mat­thias Sammer das Stra­ßen­schild ent­hüllt und er zum Dank von Roy Helbig ein DSC-Trikot über­reicht bekommt, blitzt kurz der Glanz alter Zeiten auf. Doch Sammer bleibt stumm, hält keine Rede. Ver­mut­lich ist es ihm etwas unan­ge­nehm beim Stadt­ri­valen seines Ex-Klubs Dynamo, eine Lobes­hymne auf den Ex-Bun­des­trainer zu halten. Bevor keiner etwas sagt, nimmt Roy Helbig das Mikrofon in die Hand: Es ist schon bedau­er­lich, dass der Verein so weit abge­rutscht ist“, sagt er weh­mütig, ergänzt aber trotzig: Wir werden den DSC wieder stark machen.“ Es wird ein langer Weg.