Tomasz Wal­doch, ihre Familie lebt in der Nähe von Bochum. Sie arbeiten seit diesem Sommer als Sport­di­rektor für Gornik Zabrze. Wie oft sind Sie in letzter über die pol­nisch-deut­sche Grenze gefahren?

Oh Gott, da habe ich mit dem Zählen auf­ge­hört. Das letzte Mal war an diesem Wochen­ende, als ich nach unserem Aus­wärts­spiel in Danzig nach Hause gefahren bin.

Sie haben vorher lange als Trainer in Deutsch­land gear­beitet, ganz in der Nähe Ihrer Familie. War es Ihre bewusste Ent­schei­dung, nach Polen zurück­zu­kehren?

Ich hatte vor gut einem Jahr das Angebot, pol­ni­scher Natio­nal­trainer zu werden. Das wäre für mich ein großer Schritt gewesen in meiner Trai­ner­lauf­bahn. Vom Co-Trainer auf Schalke zum Assis­tenz­trainer des Natio­nal­teams. Nach ersten Gesprä­chen mit dem Pol­ni­schen Ver­band PZPN konnten wir uns aller­dings nicht einigen. Danach konnte ich nicht ein­fach zurück nach Schalke. Ich hatte mich schon auf eine Arbeit in Polen ein­ge­richtet.



Wie ist der Kon­takt zu Gornik Zabrze zustande gekommen?

Ich habe Anfang des Jahres einen Anruf unseres Haupt­spon­sors bekommen, ob ich Inter­esse an einer Mit­ar­beit bei Zabrze hätte. Nach einem ersten Treffen in War­schau haben sich anschlie­ßend der Verein und ich getroffen, um über eine mög­liche Funk­tion zu spre­chen. Da ich selber zu Beginn meiner Kar­riere fünf Jahre lang in Zabrze gespielt habe, kenne ich den Verein gut. Für mich war klar: Wenn Polen, dann nur Gornik Zabrze. Die Auf­gabe als Sport­di­rektor war mit alten Erin­ne­rungen ver­bunden und sehr reiz­voll für mich.

Was hat Sie an der Tätig­keit gereizt?

Bisher hatte ich im Fuß­ball immer nur als Spieler und Trainer zu tun. Für mich ist es span­nend, eine neue Seite des Sports ken­nen­zu­lernen. Diese Mög­lich­keit hätte ich in Deutsch­land der­zeit nicht gehabt. Ich wollte mehr erfahren über die Funk­ti­ons­weise eines Ver­eins.

Haben sich ihre Erwar­tungen nach den ersten Monaten Arbeit erfüllt?

Mir war am Anfang gar nicht so bewusst, was auf mich als Sport­di­rektor alles zukommt. Jeden Tag ent­decke ich neue Bau­stellen, wo ich aus­helfen muss. Aber das macht mir Spaß. Ich möchte mit­helfen, den Verein, der in Polen eine große Tra­di­tion hat, wieder auf­zu­bauen und erfolg­rei­cher zu machen. Gornik Zabrze hat als 14-maliger Meister Fans in ganz Polen und ist selbst im Aus­land bekannt. Die letzten Erfolge liegen jedoch lange zurück, in den erfolg­rei­chen sieb­ziger und acht­ziger Jahren.

Nach dem Auf­stieg in die Eks­t­ra­klasa spielen Sie momentan um die Tabel­len­spitze mit.

Trotzdem können wir momentan mit den großen Ver­einen in Polen wie Legia War­schau, Lech Posen oder Wislaw Krakau noch nicht mit­halten. Für uns ist wichtig, für Spon­soren noch attrak­tiver zu werden, damit wir auch finan­ziell grö­ßere Mög­lich­keiten haben.

Sie spre­chen ein Pro­blem an, dass viele pol­ni­sche Ver­eine betrifft. Nach der Wende mussten viele Klubs bei Null anfangen, um sich eine wirt­schaft­liche Grund­lage zu ver­schaffen.

Zu Beginn hatten fast alle pol­ni­schen Ver­eine große finan­zi­elle Pro­bleme. Die Klubs konnten ihre Kosten fast nur aus Zuschau­er­ein­nahmen decken. Trans­fers wie die von Polonia War­schau, die kürz­lich zwei Spieler für jeweils eine Mil­lionen Euro ver­pflichtet haben, waren zu der Zeit noch undenkbar. Für pol­ni­sche Ver­hält­nisse ist das unglaub­lich viel Geld. Mitt­ler­weile inves­tieren immer mehr Spon­soren in den pol­ni­schen Fuß­ball. Ich hoffe, dass wir diese Ent­wick­lung durch mehr Qua­lität in der Eks­t­ra­klasa noch ver­stärken können. Bis wir auf inter­na­tio­naler Ebene mit den großen Mann­schaften mit­halten können, wird es noch eine Zeit lang dauern.

Die Euro­pa­meis­ter­schaft 2012 soll helfen, dem Fuß­ball in Polen einen Schub zu geben. Dagegen stehen Berichte über Kor­rup­tion in Polen und Spieler, die nach Trink­ge­lagen aus der Mann­schaft geworfen wurden.

Es ist normal, dass Polen und der pol­ni­sche Fuß­ball vor der Euro­pa­meis­ter­schaft mehr unter Beob­ach­tung stehen. Berichte über Sta­dien, die Infra­struktur und den Bau von Auto­bahnen sind im Aus­land häu­figer ver­treten als Berichte über den pol­ni­schen Fuß­ball. Wenn es um kor­rupte Spiele in Polen geht, werden alle auf­merksam. Den Ligaalltag inter­es­siert kaum jemand. Einiges wird dabei über­trieben. Natür­lich hat der pol­ni­sche Fuß­ball noch große Pro­bleme, wie in anderen Län­dern auch. Aber häufig tritt der Sport selbst zu stark in den Hin­ter­grund.



Berichten die pol­ni­schen Medien ähn­lich kri­tisch?

Hier beziehen sich die Medien natür­lich mehr auf die Spiele der Natio­nal­mann­schaft. Wenn man 6:0 gegen Spa­nien und 3:0 gegen Kamerun ver­liert, dann ist man auch hier­zu­lande schnell frus­triert. Besäuf­nisse nach dem Spiel gab es früher auch. Nur, wenn die Mann­schaft dazu auch noch schlecht spielt, sind solche Ereig­nisse natür­lich ein gefun­denes Fressen für die Medien.

Wie opti­mis­tisch sind Sie, dass sich die pol­ni­sche Mann­schaft zur Euro­pa­meis­ter­schaft besser prä­sen­tieren wird?

Wir haben noch fast zwei Jahre Zeit. Es gibt in Polen viele gute junge Spieler, die noch ins Team nach­rü­cken können. Der pol­ni­sche Natio­nal­trainer Fran­ciszek Smuda testet ständig neue Spieler. Bis 2012 kann sich noch viel ändern und die Mann­schaft wird sich finden. Wir wissen, dass wir uns gut prä­sen­tieren müssen. Dafür wird der pol­ni­sche Fuß­ball­ver­band alles tun.

Auch, um eine grö­ßere Begeis­te­rung für die EM im eigenen Land aus­zu­lösen?

Noch ist hier Ligaalltag. Natür­lich spricht man immer wieder von der Euro­pa­meis­ter­schaft. Aber eine rich­tige Euphorie ist noch nicht zu spüren. Alles ist sehr ruhig. Auch hier dreht sich vieles um Infra­struktur, Orga­ni­sa­tion, Sta­di­onbau und ähn­li­ches. Dabei bedienen wir uns auch der Erfah­rungen von anderen Län­dern wie zum Bei­spiel Deutsch­land. Bisher haben wir noch kein großes Fuß­ball­tur­nier aus­ge­richtet. Daher lernen wir auch noch in der Vor­be­rei­tung auf die EM und können uns nicht nur voller Vor­freude in die Arbeit stürzen.

Miroslav Klose und Lukas Podolski spielen für Deutsch­land, Sebas­tian Boe­nisch für Polen. Natio­nal­mann­schaften setzen sich inzwi­schen aus Spie­lern unter­schied­li­cher Her­kunft zusammen. Wie beur­teilen Sie diese Ent­wick­lung?

Es wäre für Polen natür­lich schön, wenn so gute Spieler wie Klose oder Podolski für Polen spielen würden. Die Fami­lien dieser Spieler sind irgend­wann aus­ge­wan­dert. Da ist es normal und legitim, wenn sich die Kinder dazu ent­scheiden, für das Land zu spielen, in dem sie leben. Auch in unserer Mann­schaft hat ein Emma­nuel Oli­sa­debe, der nicht aus Polen stammt, gespielt. Ich kann das nur gut­heißen. Das för­dert auch das Inter­esse von anderen Nationen an den Spielen der eigenen Natio­nal­mann­schaft. Für mich ist das eine logi­sche Ent­wick­lung des inter­na­tio­nalen Fuß­balls. Auf Ver­eins­ebene ist es ja längst normal, dass alle mög­li­chen Natio­na­li­täten zusammen spielen.

Sie selbst waren als Spieler davon betroffen, als sie aus Polen nach Bochum gewech­selt sind.

Als 23-Jäh­riger war das für mich natür­lich eine große Umstel­lung. Ich sprach so gut wie kein Deutsch und musste mich erst einmal zurecht­finden. Die ersten zwei Jahre habe ich nur Pol­nisch gespro­chen. Dariusz Wosz hat mich damals fast überall hin begleitet, um mir zu helfen. Im Nach­hinein betrachtet habe von meinem Wechsel nach Deutsch­land nur pro­fi­tiert.

Trotzdem müssen Sie wei­terhin Beruf und Familie in zwei Län­dern unter einen Hut bringen.

In Bezug auf die Familie ist die momen­tane Situa­tion nach wie vor schwierig. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich nach Hause komme. Aber momentan bin ich gleich nach dem Ankommen eigent­lich schon wieder auf dem Sprung. Zur Zeit sehe ich keine andere Mög­lich­keit. Erstmal werde ich wohl weiter zwi­schen Deutsch­land und Polen hin- und her­pen­deln.

Soll ihre Familie irgend­wann nach­kommen?

Mein Sohn steht kurz vor dem Abitur. Er spielt bei U19 von Schalke Fuß­ball. Genau wie meine ältere Tochter hat er den Groß­teil seiner Freunde in Deutsch­land. Unsere Kinder wachsen zwei­spra­chig auf, fühlen sich aber in Deutsch­land zu Hause. Für sie wäre ein Umzug nach Polen eine große Umstel­lung. Es reicht, wenn ihre Eltern diesen Schritt gemacht haben.