Es ist der 18. Juni 1922 und es herrscht pri­ckelnde, sir­rende End­spiel­stim­mung in Berlin. Son­der­züge aus Nürn­berg und Ham­burg bringen seit dem Morgen hun­derte, tau­sende Anhänger in die Stadt, die Bou­le­vards sind voller Men­schen, die sich mit kühlen Getränken auf den Nach­mittag, auf das Finale um die deut­sche Meis­ter­schaft im Deut­schen Sta­dion einstimmen. 



Um fünf Uhr wird es ange­pfiffen, das Duell des amtie­renden Meis­ters 1. FC Nürn­berg aus Franken und des Nord­deut­schen Meis­ters Ham­burger SV, das Match der aner­kannt stärksten Teams der End­runde. Wer gewinnt, ist völlig unge­wiss, zu tech­nisch beschlagen sind die Nürn­berger mit ihrem legen­dären Tor­hüter Stuhl­fauth, mit den kleinen Stür­mern Träg, Boß und Popp, zu robust und kämp­fe­risch die Ham­burger mit ihrem wuch­tigen Stürmer Tull Harder, mit den Läu­fern Hal­vorsen und Krohn. Gewiss ist allein, dass es heute Abend einen neuen deut­schen Meister geben wird.

»Männer gegen Männer! Auge um Auge! Zahn um Zahn!«

Schon Stunden vor dem Spiel füllt sich das Sta­dion, stehen die Zuschauer auf den preis­werten Steh­plätzen dicht gedrängt und bunt durch­ein­ander, rot-schwarze und blau-weiß-schwarze Wimpel wech­seln sich ab. Am Ende werden es 25.000 Zuschauer sein. Und schon ein flüch­tiger Blick zeigt, es wird ein Heim­spiel für den HSV. Weil dop­pelt soviele Anhänger aus Ham­burg ange­reist sind und sich auch die Ber­liner nicht für die Franken erwärmen können. Im Zwei­fels­fall hält man in Preußen zusammen. 

Es knis­tert also auf den Rängen, immer wieder kommt es zu hit­zigen Wort­ge­fechten kleiner Gruppen, die erst durch den Ein­marsch der Mann­schaften unter­bro­chen werden. Zuerst betreten die Nürn­berger das Spiel­feld, von den Club-Anhän­gern freund­lich begrüßt. Und dann: »Ein tosender Bei­fall­sturm setzt ein. Hun­derte von Fähn­chen mit den Ham­burger Ver­eins­farben blitzen durch die Ter­rassen. Ganz Berlin rast Bei­fall. Der Ham­burger Sport­verein erscheint am Tun­nel­aus­gang!«, schreibt das Fach­ma­gazin »Fuß­ball« markig. 

Und die Stim­mung steigt zuse­hends, kaum hat Schieds­richter Peco Bau­wens das Spiel ange­pfiffen. Denn es geht sofort hart zur Sache, Nürn­berger und Ham­burger schenken sich nichts, ein hartes Tack­ling jagt das nächste. Der »Fuß­ball« fabu­liert: »Ein Kampf von uner­hörter Erbit­te­rung. Nerven springen wie sprödes Glas. Spieler sind auch nur Men­schen. Es kommen Ent­glei­sungen vor, auf beiden Seiten. Ham­burg drängt mit unwi­der­steh­li­chen Flan­ken­läufen und weit vor­ge­schla­genen Bällen zu Stuhl­fauth. Harder wühlt sich durch. Es gibt harte Karam­bo­lagen, Kampf, kein Süß­holz­tennis, kein Hei­rats­markt.« Und dann wird der »Fuß­ball« biblisch: »Männer gegen Männer! Auge um Auge! Zahn um Zahn!«

»Den soll se mal richtig die Fresse vahaun!«

Und den­noch, es wird auf dem Rasen zunächst noch Fuß­ball gespielt, vor allem durch den Ham­burger SV, dessen Kom­bi­na­tionen nur flüs­siger laufen. Harder passt steil auf Breuel, der leitet weiter auf Rave, der plötz­lich mut­ter­see­len­al­lein vor Stuhl­fauth steht. Ein tro­ckener Schuss aus acht Metern ins äußerste Eck, Ver­tei­diger Riegel grätscht noch ver­zwei­felt, Stuhl­fauth steht machtlos im anderen Eck. Ham­burg führt 1:0 und das Sta­dion tobt. Der Jour­na­list F. Richard notiert zunächst noch nüch­tern: »Der Kampf der Ver­eins­pa­trioten auf den Sitz­plätzen beginnt.« Nürn­berg wagt, noch ist der Jubel nicht ver­hallt, den Gegen­an­griff. Heiner Träg ist durch, nutzt die Unord­nung in der Ham­burger Abwehr und schießt humorlos ein. Ein Treffer mitten in die Ham­burger Euphorie. 

Jour­na­list Richard, ein Schreiber mit dezenten Sym­pa­thien für Nürn­berg, platzt die Hut­schnur, weil sich das Ber­liner Publikum nicht zu benehmen weiß, so findet er: »Hinter mir stand ein Rotz­junge mit einer Pen­nä­ler­mütze. Der sagte viel­leicht hun­dertmal ›Meene Sym­pa­thie haben se wech, die rohen Bayern‹. Berlin tobte bei jedem Aus­spruch. Männer mit fünzig Jahren klatschten dem Lau­se­jungen fre­ne­tisch Bei­fall. Wenn ein Nürn­berger am Boden lag, schrie der Drecks­junge: ›Dem hamm se’s richtig jejeben, noch besser müssten sas ver­salzen!‹ Die Herren tobten Begeis­te­rung über den rei­zenden, jungen Mann! So oft Bau­wens nicht zugunsten Ham­burgs pfiff, schrie die Kröte: ›Das ist ein ganz fauler Kopp, dieser Schieds­richta. Den soll se mal richtig die Fresse vahaun!‹ Die Umsit­zenden brüllten ihr Bei­falls­ge­lächter in die Luft!« Richard ist entsetzt.

Unter­dessen tobt auf dem Rasen das Spiel hin und her. Nürn­berg, durch das unver­hoffte Aus­gleichstor beflü­gelt, drängt mit Macht auf die Füh­rung. Nur mühsam befreit sich der HSV aus der Umklam­me­rung, weite Flanken werden ohne Umstände vom Nürn­berger Abwehr­ver­bund ange­fangen und wieder nach vorne getragen. Der Erfolg lässt nicht auf sich warten, denn immer enger schnürt der tech­nisch hoch über­le­gene FCN den Gegner ein. Und in der 30. Minute zieht Luit­pold Popp aus zwanzig Metern tro­cken ab, das Netz spannt, die ver­diente Führung. 

Es läuft also alles für den Titel­ver­tei­diger, und im Gefühl der Über­le­gen­heit ziehen sich die Franken nun zurück, tun nicht mehr als nötig und lassen dem HSV Minute für Minute mehr Platz, mehr Luft. Immer häu­figer finden die Steil­pässe dank­bare Abnehmer, immer häu­figer tau­chen Harder und seine Stür­mer­kol­legen gefähr­lich vor Stuhl­fauths Kasten auf. Allein, ein Tor will nicht gelingen, so sehr sich die Ham­burger auch bemühen. Weil Stuhl­fauth auch unhalt­bare Bälle fängt, in höchster Not mehr­mals rettet. Schon ist die Halb­zeit ver­stri­chen, geht das Spiel seinem Ende ent­gegen. Noch sind es acht, dann sieben, dann fünf Minuten, und der 1. FC Nürn­berg ist wieder einmal und nicht unver­dient Deut­scher Meister.

Die Spieler fallen erschöpft auf den Rasen

»Die Schluss­mi­nuten nahen: Ganz Nürn­berg ver­tei­digt, und damit naht das Ver­hängnis.« Denn ein letztes Mal rafft sich der HSV auf, bedrängt die Nürn­berger, bringt eine Flanke in den Straf­raum, plötz­lich ist Läufer Flohr frei und schießt ein. Der Aus­gleich, in fast letzter Minute. Die erste Hälfte der Ver­län­ge­rung ver­streicht torlos, auch die zweite Hälfte. Die Spieler sind mit ihrer Kraft am Ende, kaum ein Pass findet noch den Neben­mann. Als Bau­wens abpfeift, fallen die Spieler erschöpft auf den Rasen, greifen gierig nach den Sel­ters­fla­schen, die ihnen die Betreuer rei­chen. Ein Ham­burger wirft achtlos die Fla­sche weg, sie zer­schellt in tau­send Splitter. 

Und schon bittet der Schieds­richter die Mann­schaften erneut auf den Platz, wei­tere zwanzig Minuten wird nun gespielt und danach immer weiter bis zur Ent­schei­dung, ein Elf­me­ter­schießen ist nicht vor­ge­sehen. Und so geschwächt die Spieler auch sind, es wartet auf das Publikum »der schönste Augen­blick des Spiels«, wie der »Fuß­ball« schwär­me­risch schreibt: »Eine jagende Flanke vor Nürn­bergs Tor. Von der Mitte direkt mit Blitz­schuss aus drei Metern aufs Tor geknallt, hält Stuhl­fauth, den 25 000 Men­schen unfassbar, magne­tisch mit den Händen.« Es wird ein Kampf gegen die Zeit, gegen die Dun­kel­heit. »Der Ring des Sta­dions wird immer schwärzer. Die Sonne wird wäch­sern und bleich. Immer schwä­cher werden die Schläge und Stöße der Spieler«, beschreibt der »Fuß­ball« das merk­wür­dige Schauspiel. 

»Berlin lacht! Gemütsverrohung!«

Schon sind 160 Minuten gespielt und von Minute zu Minute schwindet die Kraft der Spieler. Und die des Schieds­rich­ters. In der 162. Minute, die Uhr zeigt inzwi­schen acht Uhr 48, schrillt ein Dop­pel­pfiff durchs Sta­dion, Peco Bau­wens stürzt ent­kräftet zu Boden, ein Waden­krampf plagt den Unpar­tei­ischen. Sani­täter bemühen sich um den wachs­blei­chen Referee. Richard notiert ent­setzt: »Berlin lacht! Gemüts­ver­ro­hung!« Nun eilt ein DFB-Funk­tionär auf den Rasen, um der Menge eine Mit­tei­lung zu machen. Doch der Lärm der Zuschauer ver­schluckt die Bekannt­gabe, und dann steht Bau­wens auch schon wieder und pfeift das Spiel erneut an.

Die ersten Nürn­berger Zuschauer bli­cken besorgt auf die Uhr. Es ist acht Uhr durch, seit über drei Stunden wird nun bereits gespielt. Wollen sie den Son­derzug in die Heimat noch erwi­schen, müssen sie das Sta­dion ver­lassen. Aus­ge­rechnet jetzt, grämen sie sich, da noch nichts ent­schieden ist, da beide Mann­schaften am Rand ihrer Kräfte um die deut­sche Meis­ter­schaft kämpfen. Immer dunkler wird es nun im Deut­schen Sta­dion. »Man sitzt mit starr auf­ge­ris­senen Augen und kann es nicht fassen, dass dort unten diese 22 Leute, die um fünf Uhr nach­mit­tags mit unwi­der­steh­li­chem Elan und Kampf­geist antraten, immer noch um die Ent­schei­dung kämpfen.« Schon kann das Publikum nur noch sche­men­haft erkennen, wer da gerade den Ball führt. Wit­ze­leien machen die Runde: »Nur wei­ter­spielen, es wird gleich wieder hell!«

Es sind 226 Minuten seit seinem ersten Pfiff ver­stri­chen, als Schieds­richter Bau­wens end­lich die Pfeife zum Mund führt und zum letzten Mal hin­ein­bläst. Mit tosendem Bei­fall quit­tieren die Zuschauer den Ende des Kampfes. Schon führen Sicher­heits­po­li­zisten die Spieler in die Kabinen, Bau­wens wankt hin­terher und sitzt Minuten lang asch­fahl und stumm vor Anstren­gung in seiner Kabine. Das Sta­dion leert sich der­weil schnell. »Auto­busse rasen mit Spie­lern und Rei­sebge­lei­tern der Stadt zu. Der Unter­grund­bahnhof ist schwarz vor Men­schen. Auto auf Auto faucht durch die Allee. Schwarze Nacht deckt den Schleier über die Kampf­stätte.« Es wird ein Wie­der­ho­lungs­spiel geben und dann, end­lich, auch einen deut­schen Meister. »Wann und wo die Deut­sche Meis­ter­schaft erneut zum Aus­trag gelangt, weiß zur Stunde nie­mand. Das aber steht fest: ›Da machen wir hin!‹ Und wenn es mitten im kalten Winter in Bochum oder Bux­te­hude sein sollte.«

»Die zweite Nervengewaltprobe«


Um den kalten Winter kommen die Zuschauer herum. Bereits am 6. August treffen sich die Mann­schaften in Leipzig zum erneuten Duell. Ein Spiel, das als die »zweite Ner­ven­ge­walt­probe« in die Fuß­ball­ge­schichte ein­geht. Weil es nach drei Stunden wieder keinen Sieger gibt.