Streik. Eier. Ras­sismus. Und Luciano Moggi. Wäre Juventus Turin, der Fuß­ball-Welt auch als »Alte Dame« bekannt, tat­säch­lich eine in die Jahre gekom­mene Frau, man würde ihr eine mona­te­lange Kur ver­schreiben wollen. Kein anderer Welt­klasse-Verein hat momentan so gra­vie­rende Pro­bleme, wie der Klub aus Ita­liens Norden. 



Dabei hatte doch alles so schön begonnen zum Start der Saison 2009/2010. Der Moggi-Skandal? Ver­geben und ver­gessen. Der Zwangs­ab­stieg in die Seria B? Eben­falls längst unter den Tep­pich gekehrt. Sofor­tiger Wie­der­auf­stieg und Einzug in die Cham­pions League sei Dank. Für viel Geld lotste die Ver­eins­füh­rung um Prä­si­dent Jean-Claude Blanc den Bremer Bra­si­lianer Diego zu Juve. Trainer Ciro Fer­rara, eine alte Ver­ein­si­kone aus den gol­denen Zeiten Mitte der neun­ziger Jahre hatte seinen kom­menden Welt­star. Das Feld schien bestellt und in Turin nahm man es als selbst­ver­ständ­lich hin, als Natio­nal­trainer Mar­cello Lippi die »Alte Dame« im Sommer 2009 als Titel­fa­vo­riten adelte. 

Die Fans im Streik, Diego im Form­tief, der Trainer wackelt

32 Spiel­tage später ist Ciro Fer­rara längst Geschichte und durch (den inzwi­schen eben­falls stark in die Kritik gera­tenen) Alberto Zac­che­roni ersetzt worden. Neu­zu­gang Diego machte einige fan­tas­ti­sche Spiele und wurde schon mit Michel Pla­tini ver­gli­chen, ehe auch seine Form­kurve ein­brach, wie Spa­zier­gänger auf brü­chigem Eis. Wegen Jean-Claude Blanc sind die größten Juve-Fan­gruppen in einen Streik getreten. Den Mann­schaftsbus bom­bar­dierten wütende Zuschauer mit Eiern. Und von Mar­cello Lippi hat man in Turin schon seit Monaten nichts mehr gehört. 

Eine Lösung für die schlimme Situa­tion scheint sich aktuell nicht anzu­bieten, weder sport­lich noch ver­eins­po­li­tisch. Die Zuschauer, in der Ver­gan­gen­heit an glanz­volle Spiel­zeiten und Titel in Serie gewöhnt und ent­spre­chend ver­wöhnt, sind gereizter denn je. Erst vor einer Woche wurde bekannt, dass ein Juve-Fan den dun­kel­häu­tigen Ver­tei­diger Jona­than Zebina vor der Abfahrt zum Meis­ter­schafts­spiel gegen Ata­lanta Ber­gamo beschimpfte und schließ­lich in den Nacken schlug. Mit ras­sis­ti­schen Über­griffen hat sich der Verein nicht das erste Mal aus­ein­an­der­setzen müssen, die Fan­szene gilt nicht unbe­dingt als tole­rant und auf­ge­klärt. Zebina ver­kün­dete ent­rüstet: »Dieser Vor­fall ist eine Schande für den ita­lie­ni­schen Fuß­ball. Ita­lien ver­dient sich das nicht.« Juves Profi hatte selbst nicht wirk­lich zur Ent­span­nung im Ver­hältnis Fans-Spieler bei­getragen, als er nach nicht enden wol­lenden Beschimp­fungen der Zuschauer wäh­rend des pein­li­chen Europa-League-Aus gegen Fulham den Mit­tel­finger in die Kurve gereckt hatte. 

Sie schlugen sich die Schul­tern wund

Der­weil hat sich Diego, für 25 Mil­lionen Euro aus einem Ver­trag in Bremen gekauft, in sein ganz eigenes Schne­cken­haus zurück­ge­zogen. Zu Sai­son­be­ginn glänzte der Bra­si­lianer mit wun­der­baren Toren und führte seine neue Mann­schaft an die Spitze der Tabelle. Und bei Juve schlug man sich gegen­seitig die Schulter wund vor lauter Eigenlob. Seit Monaten schon ist von Diegos außer­ge­wöhn­li­chen Qua­li­täten aller­dings nichts mehr zu sehen. Ein echter Füh­rungs­spieler, das haben sie in Turin längst bemerkt, ist Diego (noch) nicht. Seit zwei Wochen fehlt er Juve kom­plett– eine Ver­let­zung ver­hin­derte auch seine Teil­nahme am gest­rigen Meis­ter­schafts­spiel gegen die abstiegs­be­drohte Mann­schaft von Udi­nese Calcio. Der Ex-Klub von Oliver Bier­hoff nahm den Tra­di­ti­ons­klub aus Turin trotzdem mit 3:0 aus­ein­ander. Die Kata­strophe namens Juve nimmt immer grö­ßere Aus­maße an. 


Stefan Reuter gehörte zu der deut­schen Frak­tion, die nach dem WM-Gewinn von 1990 bei Juventus Turin im Lira-Para­dies Ita­lien das große Geld ver­diente. Reuter spielte nur eine Spiel­zeit lang für die »Alte Dame«, lernte in 28 Spielen aller­dings das ganz beson­dere Umfeld des dama­ligen Welt­klasse-Ver­eins kennen.


Stefan Reuter, was macht den Fuß­ball-Verein Juventus Turin aus? 

Juve hat in ganz Ita­lien Fans, ähn­lich wie Bayern Mün­chen in Deutsch­land, nur noch inten­siver. Der Klub hat für die Anhänger einen extremen Stel­len­wert, es bedeutet ihnen viel. Die erfolg­rei­chen Jahre in der Ver­gan­gen­heit hat die Fans natür­lich auch ver­wöhnt, sie sind an Titel und Tro­phäen gewöhnt, nicht an das Mit­tel­feld in der Serie A und Zwangsabstiege. 

Was bedeutet der Lie­bes­entzug der großen Fan­gruppen, die so lange in den Streik treten wollen, bis Ver­eins­prä­si­dent Blanc seinen Posten frei­gibt, für die Spieler? Leidet man nicht dar­unter, wenn das Sta­dion leer bleibt? 

Das schon, aber in erster Linie spielt man ja – auch als Profi – Fuß­ball, weil man das Spiel so liebt und nicht weil so viele Men­schen zuschauen. Als ich in der Kind­heit gegen den Ball getreten habe, saßen da auch nicht 20.000 Zuschauer und haben meinen Namen gerufen. Aber natür­lich: Jeder Fuß­baller kämpft um Aner­ken­nung und das können einem nur die Fans bieten. 

Haben Sie in Ihrer Kar­riere Ver­gleich­bares erlebt, was aktuell in Turin passiert? 


Als Borussia Dort­mund in der Saison 1999/2000 so heftig in der Tabelle abrutschte, sind die Fans auch auf die Bar­ri­kaden gegangen. Ich kann ihnen sagen, es macht keinen Spaß, wenn die eigenen Fans den Mann­schaftsbus bela­gern und du im eigenen Sta­dion nur ein schrilles Pfeifen hörst. Was die Zuschauer in sol­chen Momenten manchmal ver­gessen: Fuß­baller sind keine Maschinen, es läuft also auch mal schlecht. Und kein Fuß­baller der Welt ver­liert gerne Spiele. 

Wie geht es nun weiter bei Juventus Turin? 

Jeder Verein hat seine Zyklen, bei Juve ist das nicht anders. Gute Zeiten, schlechte Zeiten – das ist ganz normal. 

Muss Juve befürchten, dass sich die eigenen Fans vom Klub abwenden? 

Quatsch, natür­lich nicht! Die Anhänger sind ent­täuscht, und das kann man nach­voll­ziehen. Im tiefsten Innern steht jeder dieser Fans, der in den Streik getreten ist, zu 100% hinter der eigenen Mannschaft. 


Die lau­fende Saison wird für Juventus aller Vor­aus­sicht nach nicht mehr zu retten sein. Nach der Pleite gegen Udi­nese ist die Mann­schaft von Alberto Zac­che­roni auf Platz sieben ver­sumpft. Der eins­tige Seri­en­meister im dumpfen Nie­mands­land der Tabelle – den Ver­ein­si­konen bricht es das Herz. 

»Ein Klub in Trümmern«

Ales­sandro del Piero, das noch aktive Urge­stein des Klubs, musste nach der bit­teren 1:4‑Pleite (und dem damit ver­bun­denen Aus in der Europa League) gegen Fulham kon­ster­niert ein­ge­stehen: »Ich hätte nie gedacht, so zu ver­lieren. Es ist ein Desaster.« Michel Pla­tini, UEFA-Prä­si­dent und legen­därer Spiel­ma­cher der Juve-Aus­wahl der acht­ziger Jahre pol­terte: »Nach dem Abstieg in die Serie B und dem Wie­der­auf­stieg leidet der Verein. Er hat die Ambi­tionen einer großen Mann­schaft, es fehlt aber die Qua­lität. Das Team ist viel schwä­cher als 2006.« Und die haus­ei­gene Zei­tung »Tut­to­sport« setzte noch einen drauf: »Juventus ist keine Mann­schaft, sie ist nichts mehr. Es ist ein Klub in Trümmern.« 

Jetzt, da der Verein Dreck fressen muss, bringen selbst Club-Legenden wie Marco Tar­delli einen Mann ins Gespräch, der längst als Ver­bre­cher des Fuß­balls gebrand­markt war: »Es muss jemand her, der wirk­lich was vom Fuß­ball ver­steht. Jemand wie Moggi.« Was Tar­delli scheinbar ver­gessen hat: Weil die kri­mi­nellen Machen­schaften des »Fuß­ball-Paten« Moggi öffent­lich wurden, ver­sank Juve erst im Sumpf von Zwangs­ab­stieg und Fan-Protesten. 

Sollte es tat­säch­lich zur Not­lö­sung Moggi kommen – die »Alte Dame« bräuchte keine Kur, man würde Ihr gleich die Ster­be­hilfe empfehlen.