Als Alfred Ernest Ramsey am 22.01. 1920 in Dagenham, Essex zur Welt kam, konnte nie­mand ahnen, dass es der kleine Alf sein sollte, der Eng­land den wohl größten sport­li­chen Tri­umph des Landes bescheren würde: als Team­chef führte er Eng­land 1966 im eigenen Land zum ersten und bisher ein­zigen WM Titel der Ver­bands­ge­schichte. Auf dem hei­ligen Rasen von Wem­bley machte Alf Ramsey den »impos­sible dream« seiner Lands­leute wahr.



Ursprüng­lich wollte der Sohn eines Klein­ak­tio­närs eine Lauf­bahn als Lebens­mit­tel­händler ein­schlagen, doch schon früh zeigte sich sein fuß­bal­le­ri­sches Talent. Wäh­rend des Zweiten Welt­kriegs spielte er mit einer Aus­wahl seines Regi­ments gegen den Club von Sout­hampton. Und obwohl die Sol­daten des Duke of Corn­wall’s Light Infantry das Spiel mit 10:0 ver­loren, bot der Trainer der geg­ne­ri­schen Mann­schaft Ramsey einen Platz in seinem Team an. 1944 wurde er Profi und wech­selte ein Jahr später in die zweite eng­li­sche Liga zu Tot­tenham Hot­spur, wo er erste Erfolge feiern konnte. Nach dem Auf­stieg gewann er mit den Spurs in der Saison 1950/51 die eng­li­sche Meisterschaft. 

Das letzte Spiel: ein 3:6 gegen die Ungarn

1948 hatte er sein Debut in der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft gegeben, für die er in der Folge 32 Mal als rechter Ver­tei­diger auf­lief und drei Tore erzielte, jeweils per Elf­meter. Alf Ram­seys letztes Spiel auf inter­na­tio­nalem Par­kett wird ihm aller­dings nicht in guter Erin­ne­rung geblieben sein: es war 1953 die desas­tröse 3:6 Schlappe gegen die magi­schen Magyaren um Ferenc Puskas. Bis zu diesem Zeit­punkt hatte Eng­land noch nie ein Heim­spiel gegen eine kon­ti­nen­tale Mann­schaft verloren. 



Seine Trai­ner­kar­riere begann Alf Ramsey 1955 in Ips­wich Town. Schon hier wurde er zu einer lokalen Legende, bevor er ein Jahr­zehnt später den Status eines natio­nalen Helden errei­chen sollte. Sieben Jahre reichten Alf Ramsey, um die Tractor Boys von Ips­wich Town aus der Third Divi­sion bis zum Meis­ter­titel zu führen. Ips­wich war somit der erste Verein in der eng­li­schen Liga, der als Auf­steiger in die höchste Spiel­klasse auf Anhieb den Titel gewinnen konnte. 

Diese Leis­tung blieb auch der FA nicht ver­borgen, so dass sie Ramsey 1963 den vakanten Posten des Chef­trai­ners der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft anbot. Ramsey über­nahm das Team, aber nur unter der Bedin­gung, dass er alleine für die Aus­wahl der Mann­schaft zuständig sei – ein Novum in der Verbandsgeschichte. 

Anfang der 60er Jahre zählte Eng­land nicht zu den abso­luten Spit­zen­mann­schaften, bei den Welt­meis­ter­schaften in den Jahren 1954, 1958 und 1962 war das Team nie über das Vier­tel­fi­nale hin­aus­ge­kommen. Doch Alf Ramsey ver­sprach seinen Lands­leuten bei Amts­an­tritt nicht weniger als den Titel: »We will win the World Cup«, lau­tete seine for­sche Ansage. Nicht nur Ver­treter der Presse, auch seine eigenen Spieler unter­stellten Ramsey zu jenem Zeit­punkt wohl einen gewissen Hang zum Grö­ßen­wahn. Ramsey selbst ging es darum, Stärke zu demons­trieren und den Spie­lern Ver­trauen in ihre eigenen Fähig­keiten ein­zu­flößen. Auch stellte er schnell klar, dass unter seiner Regent­schaft Star­al­lüren keinen Platz finden sollten: Als meh­rere Spieler nicht recht­zeitig zu einer Mann­schafts­be­spre­chung erschienen, unter ihnen u.a. Bobby Charlton und Jimmy Greaves, fanden sie bei der Rück­kehr in ihr Hotel­zimmer ihre Pässe auf den Betten. 

Spä­tes­tens jetzt war allen klar, dass es zur WM keine Stamm­platz­ga­ran­tien geben würde und dass nur harte Arbeit und gutes Trai­ning den Weg ins Wem­bley Sta­dion ebnen sollten. Schon zu Spiel­er­zeiten war Alf Ramsey auf­grund seiner Füh­rungs­qua­li­täten und seiner Fähig­keit, Spiel­züge vor­aus­zu­sehen, der Spitz­name »Der General« ver­liehen worden, er machte seinem Namen alle Ehre. 



Alf Ramsey war zudem einer der ersten Trainer, der das System des Spiels über die Fähig­keiten des ein­zelnen Spie­lers stellte. Das erste Mal in der Geschichte des eng­li­schen Fuß­balls mussten sich die Spieler unter seiner Ägide einem vor­ge­ge­benen tak­ti­schem Gefüge unter­ordnen. Ram­seys Credo lau­tete: »Wenn wir den Ball haben, sind alle Spieler Angreifer, und wenn wir den Ball nicht haben, sind alle Spieler Verteidiger.« 

Die flü­gel­losen Wunder

Schon im Vor­feld zur WM 1966 ver­zich­tete er zugunsten eines stärker besetzten Mit­tel­feldes auf Flü­gel­stürmer. In der Vor­be­rei­tung führte dies u.a. zu einem Sieg gegen die hoch gehan­delten Spa­nier. »Die spa­ni­schen Ver­tei­diger schauten sich nur gegen­seitig ver­dutzt an, wäh­rend wir geballt durch die Mitte kamen«, lau­tete der spä­tere Kom­mentar Bobby Charltons. 

Nachdem die eng­li­sche Mann­schaft in der WM-Vor­runde trotz des Wei­ter­kom­mens nicht wirk­lich über­zeugt hatte, setzte Ramsey dann im Vier­tel­fi­nale gegen Argen­ti­nien erst­mals auch in einem Pflicht­spiel auf diese Taktik. Das mitt­ler­weile typisch eng­li­sche 4−4−2 System ging auf und brachte der Meis­ter­mann­schaft von damals den Titel »wingless won­ders« ein. 

Der wei­tere Ver­lauf des Tur­niers ist längst fester Bestand­teil der Fuß­ball­his­torie: Eng­land spielte sich mit einem Sieg über Euse­bios Por­tugal ins Finale und schlug hier Deutsch­land mit 4:2. Drei Tore erzielte alleine Geoff Hurst, dar­unter das berühmte Wembley-Tor. 

Nach dem Schluss­pfiff gab sich das Wem­bley­sta­dion einem kol­lek­tiven Jubel­schrei hin, nur Alf Ramsey, der Vater des Erfolgs, blieb still auf seiner Trai­ner­bank sitzen. Mit stoi­scher Ruhe genoss er den Tri­umph, wäh­rend Nobby Stiles sein Sie­ger­tänz­chen auf­führte und Bobby Charlton den Jules-Rimet-Pokal in die Höhe stemmte. Dieses Ver­halten ließ Alf Ramsey in den Augen vieler Fuß­ball­fans unnahbar wirken. Auch sein Ver­hältnis zur Presse war eher schwierig, doch hierfür gab es einen ein­fa­chen Grund: Alf Ramsey hasste es, mit Men­schen über seinen Beruf zu spre­chen, die selbst keine pro­fes­sio­nellen Fuß­baller waren. 



Der WM-Titel für Eng­land hatte auch im Buck­ingham Palace gehö­rigen Ein­druck gemacht und so ließ Queen Eliza­beth II es sich nicht nehmen, Alfred Ramsey 1967 zum Ritter zu schlagen. Er war somit der erst zweite Fuß­baller nach Sir Stanley Mat­thews, dem diese Ehre zuteil wurde. 

HP-Soße für alle!

Nun mehr Sir Alf, respek­tierten ihn seine Spieler noch mehr als schon zuvor. Doch trotz seiner natür­li­chen Auto­rität, war Alf Ramsey vor allem ein players man: Unüb­lich vor allem, auch in der heu­tigen Zeit, dass seine Spieler ihn Alf nennen durften. Eine rüh­rende Anek­dote ist von der WM 1970 in Mexiko über­lie­fert: Alf Ramsey per­sön­lich soll dafür gesorgt haben, dass die berühmte eng­li­sche HP-Soße mit auf Reisen ging, damit seine Spieler fern der Heimat trotzdem in den Genuss der eng­li­schen Küche kommen konnten. Doch alle Für­sorge half nichts: im Vier­tel­fi­nale war für die mit­fa­vo­ri­sierten Eng­länder nach der spek­ta­ku­lären 2:3 Nie­der­lage im Gua­na­juato-Sta­dion in Leon gegen die deut­sche Mann­schaft das Tur­nier zu Ende. 

Alf Ram­seys Kar­riere als Team­chef endete dann drei Jahre später, als seine Mann­schaft in der Qua­li­fi­ka­tion zur WM 1974 zu Hause gegen Polen nicht über ein Unent­schieden hin­auskam und sich somit nicht für das Tur­nier in der BRD qua­li­fi­zieren konnte. 

Nach einer wei­teren Trai­ner­sta­tion bei Bir­mingham City und einer Anstel­lung als tech­ni­scher Direktor bei Pan­athi­naikos Athen in der Saison 1979/80 zog Ramsey sich im Alter von 60 Jahren kom­plett aus dem Fuß­ball­ge­schäft zurück. In den 90er Jahren erkrankte er an Alz­heimer sowie an Pro­sta­ta­krebs und starb 1999 im Alter von 79 Jahren an einem Herzinfarkt. 

Heute wäre er 90 geworden, und so man­cher Eng­länder wird sich in Gedenken an Sir Alfred Ramsey, einen der größten Trainer aller Zeiten, weh­mütig an die glor­reiche Zeit des eng­li­schen Fuß­balls erin­nern. Dass nun George Cohen, einer der WM-Recken von 1966 dem »Tele­graph« gegen­über ver­riet, dass er sich an die eiserne Ent­schlos­sen­heit Alf Ram­seys erin­nert fühlte, als er das erste Mal in die Augen Fabio Capellos blickte, sollte aber die Eng­länder in Bezug auf Süd­afrika hoffen lassen.