Acht Sekunden. Was kann man in acht Sekunden alles machen? Man kann zum Bei­spiel Radio­hörer zu einem Fuß­ball­spiel begrüßen. Rund­funk­spre­cher Jona­than Pearce hat es ver­sucht. Das Ergebnis: »Will­kommen auf Capital Gold, live aus Bologna zum Spiel Eng­land gegen San Marino, prä­sen­tiert von Ten­nent’s Pilsner, das Bier mit tsche­cho­slo­wa­ki­scher Hefe für den extra Pils­ge­schmack… und Eng­land liegt 0:1 hinten.« 



Denn acht Sekunden kann man auch dafür nutzen, um vom Anstoß weg ein Tor zu erzielen. Davide Gual­tieri hat dies geschafft und brachte am 17. November 1993 den Fuß­ball­zwerg San Marino gegen das große Eng­land in Füh­rung, wodurch er Pearce‚ Begrü­ßung rui­nierte. Dabei waren die Eng­länder mit dem Vor­satz ins Spiel gegangen, einen haus­hohen Sieg mit min­des­tens sieben Toren Unter­schied her­aus­zu­schießen. Nur dann und bei einer gleich­zei­tigen Nie­der­lage Hol­lands in Polen bestand noch eine Chance, die völlig ver­korkste WM-Qua­li­fi­ka­tion positiv zu beenden. Doch die »Three Lions« zeigten sich in den Anfangs­se­kunden nicht auf der Höhe des Geschehens. 

8,295 Sekunden

Nur zwei schnelle Pässe nach dem Anpfiff lan­dete der Ball bei Stuart Pearce im Straf­raum. Dort ging Eng­lands Kapitän gerade der Frage nach, ob er als Ver­tei­diger an diesem Tag über­haupt an den Ball kommen würde. Der­artig abge­lenkt sto­cherte er das Leder viel zu kurz in Rich­tung Tor­wart. Bis David Seaman sich bewegte, spritzte Davide Gual­tieri dazwi­schen und spit­zelte den Ball ins kurze Eck. Da waren nur 8,3 Sekunden (8,295, um genau zu sein) seit dem Anstoß ver­gangen. Mit seinem ersten und ein­zigen Län­der­spieltor schaffte es Gual­tieri somit gleich in die Geschichts­bü­cher. Es war das schnellste Tor, das je bei einer WM-Qua­li­fi­ka­tion erzielt wurde – ver­mut­lich auch das schnellste aller bis­he­rigen Län­der­spiele weltweit. 

Dass dieser Rekord aus­ge­rechnet von der kleinsten Fuß­ball­na­tionen Europas auf­ge­stellt wurde, ist mehr als erstaun­lich. Schließ­lich zeich­nete sich der Zwerg­staat in seiner bis­he­rigen Fuß­ball­his­torie nicht gerade durch Treff­si­cher­heit aus. Nur 17 Mal in 102 Spielen trafen die San Mari­neser das Tor. Eine ernüch­ternde Sta­tistik für die erst seit 23 Jahren bestehende Natio­nalelf. Der Fuß­ball­ver­band der ältesten Repu­blik der Welt, die Feder­a­zione Samma­ri­nese Giuoco Calcio (FSGC), wurde zwar bereits 1931 gegründet, doch es dau­erte bis 1986, bis sich zum ersten Mal eine san-mari­ne­si­sche Aus­wahl for­mierte. Beim Debüt gegen die Olympia-Mann­schaft Kanadas gab es gleich eine 0:1 Nie­der­lage. 1988 wurde San Marino dann Mit­glied der UEFA und FIFA, es folgte 1990 das erste offi­zi­elle Län­der­spiel gegen die Schweiz (0:4). Seit diesem Jahr nimmt San Marino an den WM- und EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­runden teil – meist als Kano­nen­futter für die übrigen Teams. Deutsch­land etwa gelang am 6. Sep­tember 2006 mit 13:0 der höchste Sieg bei einer EM-Qua­li­fi­ka­tion überhaupt. 

Erst einmal ging San Marino als Sieger vom Platz. Am 29. April 2004 konnte in einem Freund­schafts­spiel Liech­ten­stein mit 1:0 geschlagen werden. Gegen Liech­ten­stein war es auch das ein­zige Mal, dass die San Mari­neser mehr als ein Tor in einem Spiel erzielen konnten, 2:2 trennte man sich am 20. August 2002 in Vaduz. Eines der ins­ge­samt bisher drei erkämpften Unent­schieden. Dass San Marino eine solch erschüt­ternde Bilanz auf­weist, ist aller­dings wenig ver­wun­der­lich. Gerade einmal 30000 Men­schen wohnen in der Mini-Repu­blik, wovon immerhin 1000 Fuß­ball spielen. Nur wenige von ihnen schaffen den Sprung in den Pro­fi­fuss­ball, wie Mas­simo Bonini, der mit Juve dreimal ita­lie­ni­scher Meister wurde. 

Kein Wunder also, dass das Tor gegen Eng­land ein bemer­kens­wertes Ereignis für San Marino bedeu­tete – unge­achtet dessen, dass die Partie letzt­lich stan­des­gemäß hoch ver­loren ging. Immerhin: im Spiel­ver­lauf taten sie die »Three Lions« nach dem frühen Rück­stand lange schwer. Über zwanzig Minuten dau­erte es, bis durch Paul Ince (22.) der Aus­gleich erfolgte. Kapitän Pearce musste bis dahin die Sprüche seiner Mit­spieler anhören, die sich über seine Schlaf­müt­zig­keit lustig machten. Die Rache des »Psycho« genannten Ver­tei­di­gers waren zwei rüde Fouls an »Übel­täter« Gual­tieri. Nach dem Aus­gleich nahmen die Eng­länder dann Fahrt auf, erhöhten bis zur Halb­zeit­pause durch Ian Wright (34.) und Les Fer­di­nand (38.) auf 3:1. In Poznań stand es zum glei­chen Zeit­punkt 1:1 zwi­schen Polen und Hol­land. Die etwa 1000 eng­li­schen Fans im Sta­dion »Renato Dal­l’Ara« durften sich also noch Hoff­nungen machen. 

In der zweiten Halb­zeit arbeiten die Gäste von der Insel uner­müd­lich daran, den Vor­sprung auf die erfor­der­li­chen sieben Tore aus­zu­bauen. Dreimal Ian Wright (46.,78.,90.) und einmal Paul Ince (73.) schossen bis zur 90. Minute eine 7:1 Füh­rung heraus. Doch ein wei­teres Tor wollte nicht mehr fallen. Es hätte auch nichts genutzt, denn Hol­land gewann gegen Polen mit 3:1. Die »Three Lions« schli­chen wortlos vom Platz. Trainer Graham Taylor musste sechs Tage später seinen Hut nehmen. Eng­land ver­folgte die WM vor dem Fern­seher, sehr zur Scha­den­freude der Schotten. Diese mussten zwei Jahre später in der EM-Qua­li­fi­ka­tion eben­falls in San Marino antreten. Erstaun­li­cher­weise hul­digten die schot­ti­schen Schlach­ten­bummler dabei dem 7:1‑Sieg Eng­lands mit T‑Shirts. Auf denen war zu lesen: »Gual­tieri – eight seconds«.