Éric Daniel Pierre Can­tona ist 1,88 Meter groß, er trägt Bart, die Haare sind grau meliert, kurz an der Seite, der Bauch ist ein biss­chen größer geworden, die Schul­tern sind breit wie eh. Eric Can­tona ist ein Berg von einem Mann. Einer, den man vor eine Dis­ko­thek stellt, weil nicht jeder an ihm vor­bei­kommt, einer, der sich an den Straf­raum stellt, weil er der gefürch­tete Angreifer und geniale Pass­geber seiner Mann­schaft ist.



In Man­chester ver­ehren sie ihn als Gott. ER, der mit fran­zö­si­schem Akzent eng­lisch spricht, der die wich­tigen und die genialen Tore schoss. Der Sätze sagte wie: »Ich könnte alleine gegen elf Spieler gewinnen.« Der den Kragen stets nach oben klappte, der sich am Sech­zehner den Ball eroberte und führte wie kein anderer. Und der nach Toren vor die Kurve rannte, dort gefühlte zwei Minuten ver­harrte wie ein Feld­mar­schall nach seinem großen Tri­umph, wäh­rend seine Mit­spieler über ihn her­fielen wie devote Diener, um sich auf sein breites Kreuz zu stemmen. Eric Can­tona war immer schon im Mit­tel­punkt. Dort, wo es laut und hell ist, wo es rabiat und unge­stüm zugeht, wo Zuschauer große Gesten und Gehabe erwarten.

Dabei ist Eric Can­tona ein sehr leiser Mensch. Am Pre­mie­ren­abend seines Films »Loo­king for Eric« haben sie in der »Astor Lounge« einen roten Tep­pich für ihn aus­ge­legt, die Schein­werfer sind grell und die Lichter der Kameras blenden. Eric Can­tona steht etwas abseits, redet bedacht, er schaut zurück­hal­tend, ja, ein biss­chen ängst­lich gar. Der rote Tep­pich erstreckt sich als unbe­kanntes Ter­rain. Eric Can­tona scheint das zu sein, was nie­mand erwartet hätte: schüchtern. 

Eines Tages, erzählt Can­tona später, habe er mit seinen Brü­dern Jean Pierre und Joel zusammen gesessen, so wie häufig in der Ver­gan­gen­heit spra­chen sie über neue Filme, dazwi­schen skiz­zierten sie immer wieder eigene Pläne, Frag­mente, Ideen. Einige waren gut, andere wurden sofort wieder ver­worfen. Die Idee zu »Loo­king for Eric« blieb ihnen bis zum Ende erhalten. Sie erstellten eine Liste mit ihren Lieb­lings­fil­me­ma­chern, die ihre Idee rea­li­sieren sollten und spra­chen bei ver­schie­denen Pro­du­zenten und Regis­seuren vor. Ken Loach, der auf ihrer Liste ganz oben stand, sagte sofort zu. 

Doch in den ersten Wochen redeten Eric Can­tona und Ken Loach kaum. Zu groß war der Respekt vor­ein­ander, zu stark die Angst, den anderen in seinen hohen Erwar­tungen zu ent­täu­schen. Ganz behutsam lernten sich beide kennen und erst mit der Zeit rea­li­sierte Eric Can­tona, dass Ken Loach tat­säch­lich der Mann ist, den er sich erhofft hatte: »Ein mensch­li­cher Regis­seur«, erklärt Can­tona. Keine funk­tio­nie­rende Maschine. 

Die Umrun­dung von Kitsch

»Loo­king for Eric« erzählt die Geschichte von Eric Bishop, dessen Leben aus den Fugen gerät, als er nach 30 Jahren seine erste Frau Lily, die Mutter seiner Tochter, wieder trifft. Bishop ver­liert in dem Moment nicht nur die Kon­trolle über sein Leben, son­dern auch jede Auto­rität über seine puber­tie­renden Stief­söhne Ryan und Jess, die in seinem Haus hausen wie Punks auf einem Bau­wa­gen­platz. Einzig sein Kumpel Meat­balls glaubt an Eric – er ver­an­staltet mit Freunden eine Art Selbst­the­rapie-Abend, an dem sie sich in ihr größtes Vor­bild hin­ein­ver­setzen sollen. Zunächst zieren sich die Männer, doch dann fallen ihnen nach­ein­ander ihre Helden ein, alle­samt prä­gende Figuren des 20. Jahr­hun­derts: Gandhi, Frank Sinatra, Nelson Man­dela. Als Eric Bishop an der Reihe ist, schießt die Ant­wort aus ihm heraus: »Eric Can­tona!«, ruft er. »Gute Wahl!«, ant­wortet Meat­balls und die anderen nicken. »Sehr gute Wahl« Am nächsten Abend, als Eric Bishop in seinem Schlaf­zimmer wieder einmal vor dem lebens­großen Poster von Can­tona steht und kläg­lich daran schei­tert, sich den Kragen wie sein Idol hoch­zu­klappen, steht ER, Eric Can­tona, mit einem Mal hinter ihm – bereit Bishops Leben zu ordnen. 

Das klingt zunächst nach einer Mischung aus Bud Spen­cers »Aladin« und einer ganzen LKW-Ladung Kitsch und Pro-Sieben-TV-Film­abend. Doch Ken Loach ist ein Meister des Erzäh­lens und des Über­ra­schungs­mo­mentes. Durch nicht im Dreh­buch auf­ge­schrie­bene Szenen und Dia­loge ani­miert er etwa seine Schau­spieler, sich von starren Text- und Spiel­vor­gaben zu lösen und schafft dadurch unvor­her­seh­bare Brüche, eine sich plötz­lich ver­än­dernde Sprache und vor allem Bilder, die die ver­meint­lich heile Komö­di­en­welt durch einen leichten Doku­men­ta­rismus ins Wanken bringen. 

Als das Licht angeht, fehlt ER. »Ent­schul­di­gung«, erklärt der Mode­rator des Abend, »Eric schaut sich gerade die Räum­lich­keiten der After-Show-Party an. Er wird gleich kommen.« Doch schon in dem Moment schwebt Can­tona wieder hinab, er beant­wortet Fragen des Mode­ra­tors auf fran­zö­sisch. Dann unan­ge­nehme Stille. Ach, keine Fragen mehr? Da, ja bitte, eine Frage, bitte! »Nein, dies ist nicht sein erster Film. Eric Can­tona stand seit seinem Kar­rie­re­ende über 15 Mal vor der Kamera.« Noch eine Frage? Keine?! Keine wei­teren Fragen. 

Alles Pro­jek­tion?

Dann wieder ein zag­hafter Blick. Ein Blu­men­strauß, Küss­chen auf Wangen, ein Wink ins Publikum. Eric Can­tona ver­lässt die Bühne. Und als er dort ent­lang schreitet, sieht es aus, als gehe da ein Mann, den die Weis­heit der Welt zu umwehen scheint, der eben ein revo­lu­tio­näres Mani­fest ver­lesen hat, der über Der­rida refe­riert hat oder über Sartre. 

Oder ist das alles Pro­jek­tion? Hängt das ganze Can­tona-Bild an dieser einen, zuge­ge­be­ner­maßen wun­derbar tref­fenden Meta­pher, die auf einer Pres­se­kon­fe­renz nach seinem Karate-Kick gegen einen Crystal-Palace-Fan benutzte. Damals hatte er Jour­na­listen aus aller Welt geladen und den rasenden und ihn bela­gernden Repor­tern nichts gesagt außer: »When the seagulls follow the trawler, it’s because they think sar­dines will be thrown into the sea. Thank you very much.« – »Die Möwen folgen dem Fisch­kutter, weil die glauben, dass die Sar­dinen zurück ins Wasser geworfen werden. Vielen Dank.« Der Phi­lo­soph übt Medienkritik. 

Doch wäre es auch nur Image­fas­sade: es wäre egal. Denn bei wel­chem heu­tigen Fuß­baller vibrierte ein ganzes Sta­dion, wenn er ein­liefe? Bei Cris­tiano Ronaldo? Auf wel­chem anderen Fuß­baller lägen bewun­dernde Blicke, wenn er in ein Kino käme? Bei Bas­tian Schwein­s­teiger? Wohl­ge­merkt: ernst­hafte Bewun­de­rung. Eric Can­tona umweht ein Mythos wie wei­land Diego Mara­dona, Franz Becken­bauer oder Günter Netzer, doch geht er behutsam mit ihm um. Er ist trotz seinen Filmen weit davon ent­fernt diesen durch Albern­heiten und mediale Omni­prä­senz selbst zu zer­stören. Ein gutes Gefühl.


Kino­start von »Loo­king for Eric« ist der 5. November 2009