Wall­send ist ein Vorort im Osten von New­castle. Vor elf Jahren habe ich dort gewohnt und schnell lernen müssen, dass ich die soliden Innen­wände unter­schätzt hatte. Steve und Donnie hießen meine Mit­be­wohner, an deren Lei­den­schaften ich oft akus­tisch teil­haben durfte. Wäh­rend Steve gerade seine Liebe zu »The Pro­digy« ent­deckt hatte, genoss Donnie in pri­vater Sphäre laut­stark explizit ero­ti­sches Filmmaterial. 



So grund­ver­schieden ihr Plaisir war, so einig zeigten sie sich in ihrem reli­giösen Bekenntnis: Wenn New­castle United spielte, wurden sie gemeinsam laut. Und wenn wir über den Verein spra­chen, war er stets die größte Macht der Insel mit der loyalsten Anhän­ger­schaft. Viele Fans der Mag­pies sahen ihren Klub noch vor kurzem als Teil der großen Fünf mit Arsenal, Chelsea, Man United und Liver­pool. Leider hat das schon lange nichts mehr mit der Rea­lität zu tun. Nur noch Per­so­nal­kosten und Miss­ma­nage­ment errei­chen Cham­pions-League-Niveau. Die astro­no­mi­schen Gehalts­zah­lungen haben die Fall­höhe dra­ma­tisch ver­grö­ßert und den Abstieg noch schmerz­hafter gemacht. New­castle ist zur Anti­these für das Pri­vat­in­vest­ment in Fuß­ball­ver­eine geworden. Der Klub wird von Inkom­pe­tenz und einer Mes­si­as­kultur beherrscht, über die man nur lachen kann oder weinen muss. 

15 Mil­lionen für die Nummer 9

Der bekann­teste Mes­sias heißt Alan Shearer und kommt aus Wall­send. Seit Kevin Keegan den Stürmer 1996 zurück an die Tyne holte und die Fans »Wir sind unwürdig« skan­dierten, ist es stetig bergab gegangen. Das ist Shearer aber ebenso wenig anzu­lasten wie die über­zo­genen Erwar­tungen der Anhänger. Seit dem FA Cup 1955 haben die Geor­dies nichts Nen­nens­wertes mehr gewonnen. Und schon bei Shea­rers Rück­kehr war alles längst nicht so roman­tisch, wie die großen Worte es ver­hießen. Nicht zuletzt flossen rie­sige Summen. Für die Heim­kehr »seiner« Nummer 9 hat der Verein die dama­lige Rekord­ab­löse von 15 Mil­lionen Pfund abgedrückt. 

Das Pro­blem lautet seither: Shearer findet nur als Zen­tral­ge­stirn statt. Um ihn kreist die Welt, nicht er um sie. Er sitzt am Lenker oder steigt aus. Als der selbst pro­kla­mierte Retter in diesem Jahr acht Spiel­tage vor Schluss den Trai­ner­posten über­nahm, hatte er nicht viel zu ver­lieren. Trotz seiner mageren Bilanz von fünf Punkten aus acht Spielen ist er nahezu unbe­schadet. Die Vor­würfe gelten nicht dem Sohn eines Metall­ar­bei­ters, son­dern den über­be­zahlten Kickern, denen das inkom­pe­tente Manage­ment im Rausch der Hybris sogar Klau­seln ersparte, die im Abstiegs­fall Gehalts­ein­bußen bewirkt hätten. Fol­ge­richtig geriet das ent­schei­dende Sai­son­spiel zur arm­se­ligen Kari­katur eines Abstiegs­kampfes. In jede Spe­sen­ab­rech­nung eines eng­li­schen Par­la­men­ta­riers ist mehr Herz­blut geflossen als in die lau­sige Vor­stel­lung, die New­castles Ver­trags­fuß­baller bei der 0:1‑Schlappe gegen Aston Villa anboten. Dabei hätte schon ein Unent­schieden gereicht. 

Alan Shearer blieb die Ret­ter­pose also ver­wehrt. Jetzt ver­han­delt er über einen neuen Ver­trag. Ohne umfas­sende Voll­machten und Bud­gets will er nicht unter­schreiben. New­castle braucht jedoch keine Macht­spiele und keinen Son­nen­könig. New­castle benö­tigt einen hemds­är­me­ligen Shearer, der auf Augen­höhe unbe­queme Wahr­heiten aus­spricht, aus­mistet und den Spaß am Fuß­ball zurück­bringt. Sting, eben­falls gebür­tiger Wall­sender, hat in seinem Lied »Forget about the Future« ein blu­miges Mis­sion State­ment gelie­fert: »We got to move into the future maybe, and think about a new tomorrow.«