Die Frage, wer fran­zö­si­scher Meister wird, besitzt seit Jahren in etwa das gleiche Span­nungs­ni­veau wie der legen­däre »Pro­fes­soren-Auf­tritt« von Ralf Rang­nick im Sport­studio ohne Ton. Denn gewinnen kann am Ende nur eine Mann­schaft: Olym­pique Lyon. Schon sieben Spiel­zeiten in Folge durfte man bei Lyon am Ende der Saison einen neuen Brief­kopf in Auf­trag geben, weil man die ver­eins­in­terne Erfolgs­bi­lanz um den Meis­ter­titel erwei­tern konnte. 



Und auch in diesem Jahr domi­niert Olym­pique bereits nach sieben Spiel­tagen die fran­zö­si­sche Liga: Mit fünf Punkten Vor­sprung vor dem FC Tou­louse ran­giert »OL« unge­schlagen auf Rang eins. Olym­pique Lyon im Wett­streit mit den besten 19 Teams aus Frank­reich – das ist ist ein biss­chen wie Michael Phelps auf 50 Meter Frei­stil gegen den ehe­ma­ligen »Baywatch«-Rettungsschwimmer David Has­sel­hoff mit Schwimm­flü­geln. Selbst an schlechten Tagen erreicht immer der Favorit als erster das Ziel.

An guten Tagen ent­wi­ckelt die Mann­schaft um Spiel­ma­cher Jun­inho und den jungen Stürmer Karim Ben­zema auf dem Spiel­feld einen federnden und gleich­zeitig dyna­mi­schen Spiel­fluss, der an einen vom Kon­tra­bass gezupften »Wal­king Bass« erin­nert. In schneller Folge rotiert der Ball in kurzen Abständen durch die eigenen Reihen, bis sich Lücken beim Gegner zeigen. Durch die Domi­nanz der ver­gan­genen Jahre hat Lyon einen Spiel­stil ent­wi­ckelt, der scheinbar mühelos zu Toren führt. Bei sechs der sieben Meis­ter­titel der letzten Jahre stellte Lyon den besten Sturm in ganz Frankreich.

Wie ein Klotz an den Beinen der Spieler

Aber das ist nur das eine Gesicht der Mann­schaft aus dem Osten Frank­reichs. Denn wie zum Stadt­bild Lyons die beiden großen Flüsse Rhône und Saône, gehören auch zu Olym­pique zwei unter­schied­liche Spiel­weisen: national und inter­na­tional. Die Domi­nanz der Liga wirkt bei Spielen in der Cham­pions League manchmal wie ein Klotz an den Beinen der Spieler. Keine Saison, in der sie nicht als Cham­pions League-Geheim­fa­vorit gehan­delt werden – und keine Saison, in der diese Träume nicht spä­tes­tens im Vier­tel­fi­nale enden. 

In den ent­schei­denden Momenten rächt sich für Lyon die Domi­nanz in der hei­mi­schen Liga, denn die Mann­schaft zeigt sich dem großen Druck, end­lich den ersehnten Euro­pa­po­kal­titel zu errei­chen, nicht gewachsen. Auf euro­päi­scher Ebene fehlen Lyon, das vom Umsatz her auf Platz 13 der euro­päi­schen Klubs ran­giert, die Mittel gegen Mann­schaften, die mit indi­vi­du­eller Klasse und einer ent­spre­chenden tak­ti­schen Aus­rich­tung das Spiel der Mannen um Jun­inho zer­stören. Man­chester United, AS Rom, AC Mai­land, PSV Eind­hoven, der FC Porto – alles Mann­schaften, gegen die Olym­pique Lyon in den letzten Jahren spä­tes­tens im Vier­tel­fi­nale aus dem Euro­pa­pokal flog. 

Auch in dieser Saison bot sich für die Fans von Olym­pique bereits ein klas­si­sches Cham­pions League-déjà-vu: Obwohl »OL« zuhause gegen den AC Flo­renz die Auf­takt­partie in der Gruppe F domi­nierte, lag man nach 42 Minuten mit 0:2 hinten. Die Ita­liener hatten mit einer defen­siven Aus­rich­tung und schnellem Umschalten die Fran­zosen eis­kalt aus­ge­kon­tert. Zwar konnte Olym­pique in Halb­zeit zwei seine Über­le­gen­heit in Tore ummünzen und den Aus­gleich erzielen, die Erin­ne­rungen an das Aus­scheiden in den ver­gan­genen Jahren lasten trotzdem auf den Schul­tern der jungen Mannschaft. 

Ent­spre­chend moti­viert wird sie heute Abend in der Allianz Arena gegen Bayern Mün­chen ins Spiel gehen. Die Bilanz der bis­he­rigen Auf­ein­an­der­treffen spricht für Lyon, zwei der letzten drei Spiele konnten die Fran­zosen gewinnen. Und anders als bei den Bayern, bereitet der Mann­schaft aus Lyon der Blick auf die hei­mi­sche Tabelle kei­nerlei Kopf­zer­bre­chen. Der Geheim­fa­vorit nimmt einen neuen Anlauf.