Herr Lahm, vor gut drei Wochen hat der FC Bayern sein Angebot zur Ver­trags­ver­län­ge­rung zurück­ge­zogen, nachdem Sie bewusst eine Frist ver­strei­chen ließen. Jetzt gibt es doch eine Eini­gung?

Ja, es hat zwar etwas länger gedauert, weil diese Ent­schei­dung eben meine nächsten Lebens­jahre betrifft. Aber jetzt habe ich, am Frei­tag­morgen, beim FC Bayern vor­zeitig für wei­tere drei Jahre ver­län­gert, also bis 2012, und ohne Ausstiegsklausel.

Dabei ten­dierten Sie lange zum Aus­land, zum FC Bar­ce­lona.

Ja, aber ich habe immer gesagt, dass alles noch offen ist. Es ist doch klar, dass sich jemand mit 24 Jahren aus­giebig Gedanken über seine sport­liche und per­sön­liche Zukunft machen möchte, wenn er Ange­bote von euro­päi­schen Top­klubs erhält. Doch jetzt hat es viele gute Gespräche mit dem Vor­stand des FC Bayern, aber auch mit dem neuen Trainer Jürgen Klins­mann gegeben; vor­letzten Don­nerstag haben wir alle lange zusam­men­ge­sessen. Und dabei habe ich eine sehr große Auf­bruchs­stim­mung gespürt.

Vor allem Jürgen Klins­mann hat Sie offenbar überzeugt.

Ich habe ja gesagt, dass ich meine Ent­schei­dung nie vom Trainer abhängig machen wollte. Aber klar begrüße ich Jürgen Klins­mann sehr gerne hier in Mün­chen. Und er hat mir deut­lich gemacht, wie die Zukunft hier aus­sehen soll. Ich kenne ihn ja noch aus der Natio­nal­mann­schaft und ver­stehe mich gut mit ihm. Und ich glaube, dass sein Weg auch in Mün­chen funk­tio­nieren wird. Ich weiß außerdem, wie viel Willen er da jetzt rein­steckt und dass er jeden Spieler gleich behan­delt. So muss auch ich mich wieder neu beweisen. Und genau diese Her­aus­for­de­rungen will ich.

Bei den Bayern hat man in Ihrem Zusam­men­hang nach der WM 2006 häu­figer von Sta­gna­tion gespro­chen.

Ja, aber ich habe meine Ent­wick­lung eher positiv gesehen. Klar, ich habe letztes Jahr 60 Spiele gemacht, da ist doch logisch, dass da auch nicht so gute dabei waren. Aber das ist natür­lich auch ein Grund, wes­halb ich lange über­legt habe: Hier wurde häu­figer gesagt, ich komme mit meiner Ent­wick­lung nicht voran. Doch das ist ja auch schwer in der Bun­des­liga. Denn die Zahlen aus Eng­land und Spa­nien sind ja bekannt, dort wird mit mehr Tempo und Genau­ig­keit gespielt, die Spieler werden früher ange­griffen – in der Bun­des­liga wird ein­fach ein anderer Fuß­ball gespielt.

Und Klins­mann wird diese Distanz zumin­dest in Mün­chen ver­kürzen?

Ich bin sehr zuver­sicht­lich, dass er das hin­be­kommt. Man muss eben auch dem­entspre­chend trai­nieren. Ich habe ja schon mehr­fach gesagt, dass es inter­na­tional nicht funk­tio­niert, wie wir uns tak­tisch ver­halten: Dass aus dem Mit­tel­feld jemand blank auf die Abwehr zuläuft, wie uns das gegen St. Peters­burg pas­siert ist – das pas­siert beim AC Mai­land nicht. Und das sieht der Vor­stand genauso, dass wir uns tak­tisch noch ver­bes­sern können und müssen und da ein­fach noch deut­lich zurück­hinken im Ver­gleich zu anderen Mannschaften.

Was plant Klinsmann?

Er will Offen­siv­fuß­ball spielen, aber auch die Defen­sive nicht ver­nach­läs­sigen – so, wie wir es in der Natio­nal­mann­schaft bei der WM gezeigt haben. Dazu kommen nach der neuen Arena jetzt auch neue Trai­nings­ein­rich­tungen, die neuen Fit­ness­trainer. Das ist alles sinn­voll, denn andere Top­klubs arbeiten ein­fach noch etwas moderner als wir.

Auch des­halb äußerten Sie zuletzt mehr­fach Zweifel daran, dass Bayern so bald die Cham­pions League gewinnen werde. Sind Sie nun anderer Meinung?

Nein, ich sehe das wei­terhin kri­tisch, dass wir schon nächstes Jahr ins Finale kommen können. Schauen Sie sich doch Man­chester United und Chelsea an, die jetzt im Finale stehen. Sie haben auch einige Jahre Zeit und Erfah­rung gebraucht. Aber ich bin jetzt doch sehr zuver­sicht­lich, dass wir es in näherer Zukunft schaffen können. Denn der Vor­stand hat mir auch sehr deut­lich gemacht, dass sie den Weg, den sie im ver­gan­genen Jahr mit den Inves­ti­tionen ein­ge­schlagen haben, wei­ter­gehen wollen.

Auch Kol­legen wie Franck Ribéry wün­schen sich ja wei­tere Ver­stär­kungen.

Genau. Viel­leicht kann man nicht jedes Jahr so viel Geld aus­ge­geben wie zuletzt. Aber wenn man die Top­klubs in Europa anschaut, so wissen sie dort, dass man sich jedes Jahr punk­tuell ver­stärken muss. Und das tun zu wollen, hat mir der FC Bayern ver­si­chert. Das war sicher­lich keine Bedin­gung von mir, aber ich wollte das natür­lich schon hören, denn nach dem natio­nalen Erfolg, den wir jetzt hatten, muss eben der nächste Schritt kommen: Ich möchte auch inter­na­tional Erfolg haben. Und das setzt Inves­ti­tionen in neue Spieler voraus, und zwar in Spieler, die inter­na­tio­nale Klasse haben. Der Kern sollte selbst­ver­ständ­lich zusam­men­bleiben, aber der Kon­kur­renz­kampf muss sich noch ver­grö­ßern – immer wieder, jedes Jahr.

Sie möchten ein­be­zogen werden, eine gewisse Wert­schät­zung erfahren, das ist der Ein­druck. Hat Bayern die Per­so­nalie Lahm gene­rell unter­schätzt?

Es kann sein, dass sie meine Per­so­nalie etwas unter­schätzt haben. Für mich war natür­lich schon wichtig: Wie sieht mich der FC Bayern? Und ich hatte manchmal doch den Ein­druck, dass meine Mei­nung nicht 100-pro­zentig gefragt ist. Jetzt, nach den vielen sehr guten Gesprä­chen, habe ich aber das Gefühl, dass sie mich als wich­tiges Teil eines Puz­zles sehen. Und das war mir sehr wichtig.

Manchmal ist es wohl ganz gut, wenn man sogar mal dem FC Bayern wider­spricht?

Viel­leicht, obwohl ich ja das Angebot ja nicht abge­lehnt hatte. Ich wollte mich nur nicht unter Druck setzen lassen. Dass man viel­leicht auch ein biss­chen pokert, gehört dazu, und der Status eines Spie­lers macht sich auch am Finan­zi­ellen fest. Aber die Bayern haben mir schon vorher ein gutes Angebot gemacht. Es geht heute kein Top­spieler mehr weg von Bayern, nur um mehr zu verdienen.

Haben Sie mit Klins­mann auch über die Kapi­täns­rolle und Ihre eigent­liche Lieb­lings­po­si­tion besprochen?

Es kann gut sein, dass ich für die Kapi­täns­rolle eine Option bin, aber so kon­kret habe ich da mit ihm ehr­lich nicht gespro­chen. Dass ich mich als rechten Ver­tei­diger sehe, dass das meine stärkste Posi­tion ist, das weiß Klins­mann aller­dings. Und ich finde es normal, dass jeder seine Posi­tion hat, obwohl man durchaus mal ab und zu woan­ders aus­helfen kann. Doch bei den Top-Fünf in Europa gibt es das nicht, dass man so ver­schoben wird wie ich zuletzt. Aber das wissen nun alle im Verein.

Wie ernst war es mit Barcelona?

Es war schon sehr konkret.

Und mit Man­chester United?

Das war auch ein Thema, aber nicht so kon­kret wie Barca.

Waren Sie denn mal dort?

Nein, und das darf man ja auch gar nicht!

Na ja, wenn der FC Bayern den Bremer Spieler Klose haben möchte, trifft er sich auch heim­lich mit ihm.

Das kann sein, auf jeden Fall wollte mich das Manage­ment von Bar­ce­lona, ent­weder sofort oder eben dann nächstes Jahr. Es ist natür­lich jetzt mög­lich, dass so ein tolles Angebot nie wieder kommt. Aber mich hat letzt­lich über­zeugt, dass der FC Bayern etwas Großes auf­bauen will. Und wäre ich weg­ge­gangen, hätte ich wohl doch sehr mit den Gedanken zu kämpfen gehabt: Bei diesem Pro­jekt hät­test du dabei sein können. Außerdem bin ich ja gebür­tiger Münchner, das hat auch eine große Rolle gespielt.

Oma und Opa werden jetzt wohl sehr glück­lich sein.

Ich bin sehr gerne bei meiner Familie, das stimmt. Sie wären aber alle hinter mir gestanden, wenn ich gewech­selt wäre. Oma und Opa haben die letzten Wochen zwar nicht gelitten, aber sie freuen sich jetzt schon sehr, seitdem ich ihnen das am Don­ners­tag­abend gesagt habe.

Ver­mut­lich hat sowieso nur Omas Essen den Aus­schlag gegeben.

Stimmt, das hätte ich bei einem Wechsel sicher­lich sel­tener bekommen.

Was macht sie beson­ders gut?

Die Oma kann wirk­lich alles.