Herr Dr. Loy, Sie haben in den ver­gan­genen 20 Jahren rund 3000 Fuß­ball­spiele ana­ly­siert. Wenn Sie vor dem Fern­seher oder im Sta­dion sitzen, können Sie den Wis­sen­schaftler in sich aus­schalten und ein­fach nur ein schönes Spiel genießen?

Aber selbst­ver­ständ­lich! Seit meiner Kind­heit bin ich der aller­größte Fuß­ballfan. Ich hatte eben das Glück, mein Hobby zum Beruf machen zu können.



3000 Par­tien in sta­tis­tisch erfass­bare Ein­heiten zu zer­legen – klingt nach harter Arbeit. Welche Erkenntnis haben Sie dabei gewonnen?

Vor allem die, dass wir Licht­jahre davon ent­fernt sind zu ver­stehen, wie der Fuß­ball funk­tio­niert. Und es trennen uns sogar ganze Gala­xien davon zu wissen, wie Erfolg im Fuß­ball zustande kommt.

Aber Herr Dr. Loy, ganze Heer­scharen von Trai­nern, Mana­gern und anderen Experten zer­bre­chen sich tag­täg­lich den Kopf dar­über, wie Fuß­ball funk­tio­niert und erklären uns die Ursa­chen für Sieg oder Nie­der­lage. Und Sie behaupten, dass dies alles Humbug ist?

Tat­sache ist, dass da jede Menge Halb- und Unwahr­heiten über Trainer- und Spiel­er­ge­nera­tionen hinweg unre­flek­tiert ver­breitet werden – ohne dass diese Aus­sagen jemals ernst­haft geprüft worden sind. Wäh­rend hier­zu­lande bestimmte Indus­trie­zweige ein Ver­mögen in die For­schung inves­tieren, um sich dadurch Wett­be­werbs­vor­teile zu sichern, basiert das Mil­li­ar­den­ge­schäft Fuß­ball weit­ge­hend auf reinen Ver­mu­tungen und teil­weise gra­vie­renden Fehlannahmen.

Können Sie ein Bei­spiel nennen?

Die Behaup­tung, dass die­je­nige Mann­schaft gewinnt, die mehr Zwei­kämpfe für sich ent­scheidet, ist schlichtweg falsch. Ich habe mehr als 100.000 Eins-gegen-eins-Situa­tionen unter­sucht und fest­ge­stellt, dass nur etwa 40 Pro­zent aller Spiele von den zwei­kampf­stär­keren Mann­schaften gewonnen werden.

Soll man Zwei­kämpfe einstellen?

Nein, ich will nur ver­meiden, dass sich solche Spe­ku­la­tionen als Lehr­mei­nung fort­pflanzen. Ich wün­sche mir eine Kultur der Zurück­hal­tung bei Aus­sagen über erfolgs­ver­spre­chende Hand­lungen im Fußball.

Gibt es noch mehr sol­cher Fußballlügen?

Aber sicher, die Liste ist sehr lang. Die These, dass das Flü­gel­spiel erfolg­rei­cher sei als das Spiel durch die Mitte, ist jedem Fuß­ballfan in den zurück­lie­genden Jahren sicher­lich mehr als 1000-mal zu Ohren gekommen. Von daher war auch ich über­rascht, als ich nach der Ana­lyse von meh­reren Tau­send Angriffen fest­stellen konnte, dass sowohl Vor­stöße über die Außen­po­si­tionen als auch solche durch die Mitte in zwei Pro­zent aller Fälle ein Tor nach sich zogen.

Haben Sie schon mal ver­sucht, den einen oder anderen Bun­des­li­ga­trainer auf solche Fehl­an­nahmen hinzuweisen?

Teil­weise spürt man ein hohes Maß an Ableh­nung. Die Trainer haben offen­sicht­lich Angst davor, an Auto­rität zu ver­lieren. Da werden Dinge, die sie jah­re­lang gepre­digt haben, von jemandem als falsch ent­tarnt. Das Grund­pro­blem ist doch: Was will ein Trainer wei­ter­geben, wenn so gut wie keine gesi­cherten Erkennt­nisse zu erfolg­rei­chem Ver­halten im Fuß­ball existieren?

Aber es kann doch nicht sein, dass Sie Tau­sende von Spielen ana­ly­siert haben, nur um uns sagen zu können, dass wir kaum etwas über Fuß­ball wissen. Ein paar hand­fes­tere Erkennt­nisse müssen Sie doch gewonnen haben.

Die wis­sen­schaft­liche Wider­le­gung unzäh­liger seit Jahr­zehnten popu­lärer Fuß­ball­weis­heiten“ sehe ich als wesent­li­chen Erkennt­nis­ge­winn an. Außerdem haben meine Ana­lysen – um ein Bei­spiel für den prak­ti­schen Nutzen der Ergeb­nisse zu geben – gezeigt, dass hoch aus­ge­führte Elf­meter erfolg­rei­cher sind als flach geschos­sene. Ich habe diese Infor­ma­tion auch einmal dem Trainer einer Bun­des­li­ga­mann­schaft an die Hand gegeben. Am darauf fol­genden Samstag hat dann seine Mann­schaft einen Elf­meter zuge­spro­chen bekommen – der vom Spieler flach aus­ge­führte Straf­stoß ist dann vom geg­ne­ri­schen Tor­hüter gehalten worden. Man weiß auch, welche Art von Eck­stößen eher zu Toren führen. Das sind Klei­nig­keiten, die aber Spiele ent­scheiden können.

Welche Rolle spielt der Zufall im Fußball?

Eine viel, viel grö­ßere als alle Experten wahr­haben wollen. Die letzten 215 Tore der Bun­des­li­ga­saison 2006/07 waren zu 47 Pro­zent Zufalls­pro­dukte – sprich sie resul­tierten aus Abpral­lern, abge­fälschten Schüssen, schweren Abwehr­feh­lern, Boden­un­eben­heiten und so weiter. Es ist ja gerade die Unkal­ku­lier­bar­keit des Fuß­balls, die zu seiner Fas­zi­na­tion beiträgt.

Sie for­dern die Bil­dung einer Taktik-Task-Force. Wofür?

Haupt­auf­gabe dieser Taktik-Task-Force sollte es zunächst einmal sein, her­aus­zu­finden, was wir tat­säch­lich über Fuß­ball und tak­ti­sche Spiel­hand­lungen, die zum Erfolg führen, wissen. Und dieses Gre­mium müsste fest­legen, wie eine fort­schrei­tende Grund­la­gen­for­schung aus­zu­sehen hat. In der Taktik-Task-Force sollten Trai­nings­wis­sen­schaftler, Sport­me­di­ziner, Sport­psy­cho­logen, Sta­tis­tiker, aber auch Trainer, Manager und Spieler ver­treten sein.

Können Sie uns als aus­ge­wie­sener Fuß­ball-Fach­mann denn ver­raten, wer deut­scher Meister wird?


Nein. Da muss ich leider passen. Ich bin schließ­lich kein Hellseher.

Aber Sie können uns anhand Ihrer umfang­rei­chen Ana­lysen viel­leicht erklären, warum der VfB Stutt­gart am Ende der ver­gan­genen Saison ganz oben stand?


Auch da vermag ich nicht wei­ter­zu­helfen. Nur so viel kann ich sagen: die Sta­tis­tiken zeigen, dass die Mann­schaft, die mehr Fouls begeht, etwas häu­figer gewinnt. Und jetzt raten Sie mal, wer in der ver­gan­genen Spiel­zeit die meisten Fouls verübt hat?

Der VfB Stuttgart.


Richtig! Nur damit wir uns nicht falsch ver­stehen – aus päd­ago­gi­scher Sicht ist das Foul­spiel natür­lich zu verurteilen.

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Dr. Roland Loy ist 45 Jahre alt, wohnt in Mün­chen und arbeitet unter anderem als Fach­be­rater für die ZDF-Sport­re­dak­tion. Der pro­mo­vierte Sport­wis­sen­schaftler hat in den ver­gan­genen 20 Jahren 3000 Fuß­ball­spiele ana­ly­siert und die Ergeb­nisse in dem zwei­bän­digen Werk Taktik und Ana­lyse im Fuß­ball“ zusam­men­ge­fasst. Fuß­ball­pro­fessor“ Dettmar Cramer fun­gierte als sein Mentor“. Loy ist Inhaber der Trainer A‑Lizenz des DFB und hat als per­sön­li­cher Berater mit Franz Becken­bauer bei der deut­schen Natio­nal­mann­schaft, bei Olym­pique Mar­seille und beim FC Bayern Mün­chen zusammen gearbeitet.

Die Weg­be­reiter des Erfolgs? Die schlimmsten Treter der Bun­des­li­ga­ge­schichte findet Ihr hier www​.11freunde​.de/​b​u​n​d​e​s​l​i​g​e​n​/​1​03084 .